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Vogelschutzcamp Brescia/Italien 29.09. – 11.11.2012
Abschlussbericht

1. Einleitung

Komitee-Mitglied befreit Vogel aus illegalem FangnetzKomitee-Mitglied befreit Vogel aus illegalem FangnetzDie oberitalienische Provinz Brescia (Lombardei) gehört zu den Brennpunkten der Wilderei in Europa. An keiner anderen Stelle in der EU gehen so viele Jäger und Wilderer auf die Vogelpirsch. Das Komitee gegen den Vogelmord e.V. ist hier seit 1984 aktiv. In diesem Jahr hat unser internationales Vogelschutzcamp in den Bergen Brescias vom 29.09. bis 11.11.2012 stattgefunden. Mit sechs Wochen war es der längste Einsatz unserer Vereinsgeschichte.

Die 81 Teilnehmer aus Deutschland, Italien, Großbritannien, der Schweiz und den USA haben 963 Bogenfallen, 690 Schlagfallen und 110 Netze gefunden und abgebaut. Damit haben wir in der 23jährigen Geschichte unseres Brescia-Einsatzes erstmals weniger als 1.000 Bogenfallen gefunden - die Wilderei mit diesem besonders grausamen Fallentyp verschwindet immer mehr. Auch die Zahl der Netze ist geringer als üblich, nur die erst in den 1990er Jahren aufgekommenen Schlagfallen bleiben leider unvermindert verbreitet. Über die 43 aufgrund unserer Hinweise überführten Wilderer können wir uns freuen - trotz der vergleichsweise wenigen Fallen konnten wir das Ergebnis des Vorjahres (37 Wilderer) deutlich übertreffen!

2. Neuerungen bei der Methodik

Das wichtigste Ziel unseres Einsatzes ist es, Wilderer zu überführen. Dafür suchen die Teilnehmer des Camps Fallen und Netze und führen Beamte der Staatlichen Forstpolizei oder der Provinzpolizei zu den aufgefundenen Netzen oder Fallen. Die Polizisten verstecken sich an den Fangstellen und versuchen die Wilderer zu überführen.

Jeden Tag waren zwischen drei und sechs Teams des Komitees eingesetzt. Die Teams bestan den meist aus zwei bis drei Teilnehmern und waren jeweils mit einem Mietfahrzeug ausgestattet. In diesem Jahr haben wir erfahrene und ortskundige Komitee-Mitglieder auch alleine bestimmte Bereiche durchsuchen lassen. Zwar waren sie dadurch einem höheren Risiko ausgesetzt, konnten sich aber sehr viel unauffälliger im Gelände bewegen.

Rotkehlchen in einer BogenfalleRotkehlchen in einer BogenfalleWährend des Einsatzes der Sondereinheit zur Wildereibekämpfung der Staatlichen Forstpolizei in Brescia (29.9. - 28.10.2012) haben wir nahezu alle gefundenen Fallen und Netze für Ansitze der Beamten stehen lassen. Nur wenn eine Polizeiaktion unmöglich schien (z.B. weil die Fanggeräte an einer wenig zugänglichen Stelle im Gebirge aufgestellt waren) oder wenn die Vermutung bestand, dass wir von dem Wilderer gesehen wurden, haben die Komitee-Mitglieder die Fallen und Netze abgebaut. Nach dem Ende des Einsatzes der Sondereinheit (also ab dem 29.10.) wurden mit Ausnahme dreier Netz-Standorte alle Fanggeräte von uns abgebaut. Die drei Netze wurden lokalen Polizei-Dienststellen für einen Einsatz gezeigt, ein Wilderer wurde dabei überführt.

In den letzten Jahren haben wir die Beamten in der Regel nachts zu den von uns ausgekundschafteten Stellen geführt. Das hatte den Vorteil, dass wir im Gelände nahezu unsichtbar waren. Der entscheidende Nachteil bei dieser Vorgehensweise ist, dass man im Dunkeln deutlich mehr Spuren im Wald hinterlässt. Auch kann man in der Nacht nicht auf etwaige Sicherheits-Vorkehrungen der Wilderer, wie z.B. über den Weg gespannte Schnüre oder horizontal platzierte Brombeer-Ranken achten. Viele unserer Einsätze haben nicht mehr funktioniert, weil die Vogelfänger immer misstrauischer wurden und auf dem morgendlichen Weg zu ihren Fallen unsere Spuren von der Nacht bemerkt haben.
In diesem Jahr haben wir die Polizei deswegen zu fast allen Fallen und Netzen während des Tages geführt. Nur bei besonders ungünstig gelegenen Fangstellen z.B. in direkter Nähe von einem Haus oder einer Siedlung, haben wir noch Nachteinsätze durchgeführt. Viele Stellen konnten - anders als früher - noch am gleichen Tag der Polizei gezeigt werden. Mit dieser mehr ins Tageslicht verlagerten Methodik haben wir eine deutlich höhere „Trefferquote“ gehabt – an mehr als drei Viertel der von uns gefundenen Stellen wurden Wilderer verhaftet (mehr dazu unter Punkt 3.4).

3. Ergebnisse

3.1 Bogenfallen

Bogenfalle – die traditionelle Falle verschwindet in Brescia mehr und mehrBogenfalle – die traditionelle Falle verschwindet in Brescia mehr und mehrBogenfallen waren bis in die frühe Neuzeit in ganz Europa verbreitet. Heute findet man diesen besonders tierquälerischen Fallentyp, mit dem praktisch ausschließlich Rotkehlchen gefangen werden, nur noch in der Provinz Brescia. Die Wilderei mit Bogenfallen geht aber auch hier durch unsere Einsätze immer mehr zurück. Im „Rekordjahr“ 2001 haben wir noch über 12.000 dieser Fallen gefunden, in diesem Jahr waren es mit 963 Stück erstmals weniger als 1.000.

Besonders deutlich wird diese Entwicklung, wenn man berechnet, wie viele Fallen jeder einzelne Teilnehmer gefunden hat. 1985 haben wir 3.266 Fallen gefunden, waren aber nur zu elft und nur sechs Tage im Einsatz. Jeder Teilnehmer hat damals – rein statistisch – 181 Fallen gefunden. 2001 waren wir drei Wochen mit rund 50 Teilnehmern im Einsatz, im Schnitt hat jeder 64 Fallen gefunden. In diesem Jahr hat jedes Mitglied gerade noch 2 Fallen eingesammelt.

Interessant ist, dass die einzelnen Fangstellen immer kleiner werden. Im Jahr 1998 haben wir im Schnitt noch 173 Fallen bei jedem Wilderer gefunden, 2004 waren es 98 und in diesem Jahr nur noch 36. Die Wilderer verlagern sich darauf, wenige Vögel für den „Eigenbedarf“ zu fangen. Während noch vor 10 Jahren rund die Hälfte aller Vogelfänger als Profis einzuschätzen waren, also Geld mit den erbeuteten Vögeln verdient haben, sind es heute weniger als 10 %.

3.2 Schlagfallen

Schlagfallen wurden das erste mal im Jahr 1998 in Brescia gefunden. Gefangen werden vor allem Rotkehlchen, im Frühherbst allerdings auch Haus- und Gartenrotschwänze, Trauerschnäpper und verschiedene Meisen. In den letzten Jahren haben wir meist zwischen 500 und 900 dieser tückischen Fallen gefunden. Mit 690 Schlagfallen liegen wir in 2012 im „Mittelfeld“ dieser Statistik.

Die Dunkelziffer bei den Schlagfallen ist leider besonders hoch. Bogenfallen werden seit vielen Jahrhunderten verwendet. Hier hat sich aufgrund langer Erprobung eine bestimmte Methodik bei der Platzwahl entwickelt, die wir als Komitee-Mitarbeiter inzwischen gut kennen. Deswegen lassen sich Bogenfallen vergleichsweise gut finden. Schlagfallen sind dagegen noch in der „Erprobungsphase“. Fast in jedem Jahr finden wir diese Fallen unter neuen Umständen. Sie können in Gärten ebenso wie im Hochgebirge stehen, im Nadelwald wie im Laubwald, am Boden wie auf Bäumen, auf Wiesen oder an Wegrändern. Die Wilderer haben noch keine Strategie entwickelt, wie diese Fallen am effektivsten einzusetzen sind. Dem entsprechend schwierig ist es für uns, diesen Fallentyp überhaupt zu finden.

3.3 Andere Fallen

Während des Vogelschutzcamps 2012 wurden 22 weitere Fallen gefunden. Es handelt sich dabei um sieben Fangkäfige (vorwiegend zum Fang von Finken und Rotkehlchen), eine Totschlagfalle für Marder, eine Lebendfalle für Marder oder Füchse und 11 Drahtschlingen zum Fang von Füchsen und Wildschweinen. Da in Italien – anders als in Deutschland – der Einsatz sämtlicher Tierfallen verboten ist, wurden alle Geräte in Absprache mit der Polizei sichergestellt.

3.4 Netze

Fangnetz in den Bergen BresciasFangnetz in den Bergen BresciasNetze werden vor allem von lizenzierten Jägern aufgestellt, um an die begehrten Lockvögel zu kommen. Die Tiere – vor allem Drosseln und Finken, aber auch Heckenbraunellen und Rotkehlchen – werden lebend gefangen, um in kleinen Käfigen eingesperrt ihre Artgenossen vor die Flinte zu locken. Weil wir von Jahr zu Jahr mehr Erfolg mit unseren Klagen gegen den legalen Vogelfang vor Gericht haben (siehe Punkt 5), kommt es immer mehr zu Engpässen auf dem Lockvogelmarkt.
Es wundert deshalb nicht, dass unter diesen Umständen der Vogelfang mit Netzen weiterhin verbreitet ist. Allerdings haben wir in diesem Jahr mit 85 Netzen so wenige gefunden wie seit 8 Jahren nicht mehr. Das sind zwar immer noch viele, aber im Gegensatz zu 2005 (174 Stück) oder 2009 (164 Stück) ein erfreulicher Rückgang.

Wie auch schon in den Vorjahren beobachten wir weiterhin einen starken Rückgang der an den Netzen illegal verwendeten Lockvögel. So haben wir im Jahr 2005 insgesamt 139 Lockvögel an Netzen gefunden (entspricht 0,8 Vögeln pro Netz), 2009 waren es 59 (0,4 Vögel pro Netz) und in diesem Jahr nur noch 18 (also rund 0,2 Vögel pro gefundenem Netz). Die Effektivität eines Netzes steigt ganz erheblich, wenn man Tiere als Köder einsetzt. Dieser Rückgang ist deshalb besonders positiv, denn es werden nicht nur weniger Tiere in engen Käfigen gequält, sondern auch weitaus weniger Vögel gefangen.

Ein am 23.10.2012 aufgrund unserer Hinweise an die Polizei überführter Vogelfänger hatte 25 Netze zur Vogelberingung aufgestellt, ohne eine Genehmigung dafür zu besitzen. Diese Netze wurden von der Polizei beschlagnahmt, finden aber keine Berücksichtigung in unserer Statistik. Letztlich handelte es sich nicht um einen „echten Wilderer“.

Aus den von uns gefundenen Netzen konnten wir 14 Rotkehlchen, 11 Singdrosseln, 8 Amseln, 6 Buchfinken, 5 Heckenbraunellen, 2 Wintergoldhähnchen und einen Kernbeißer freilassen. Ein Dutzend Vögel, darunter ein Sperber, konnten nur noch tot geborgen werden.

3.5 Überführte Wilderer

Forstpolizist mit sichergestellter SingdrosselForstpolizist mit sichergestellter SingdrosselDer Erfolg unserer Einsätze hängt von vielen Faktoren ab. In diesem Jahr hatten wir fast durchgehend gutes Wetter und die Polizeibeamten waren besonders motiviert. Deswegen und vermutlich auch wegen der unter Punkt 2. behandelten Änderung der Methodik haben wir in diesem Jahr trotz zurückgehender Fallenzahlen mit 43 überführten Wilderern ein deutlich besseres Ergebnis als im Vorjahr erzielt.

Insgesamt haben wir 55 Fangstellen an die Polizei gemeldet, an 53 davon hat ein Ansitz tatsächlich stattgefunden (an zwei Stellen hat die Polizei aus Zeitgründen keine Operation durchgeführt). Mit 43 Wilderern haben wir eine Aufklärungsquote von 80 % - ein noch nie da gewesener Wert! Zum Vergleich: Im Jahr 2011 hatten wir die Beamten zu 63 Stellen geführt, nur 37 Wilderer (entspricht 58 % der gezeigten Stellen) konnten überführt werden.

Alle Täter waren Männer. Bei ihnen hat die Polizei insgesamt 419 Bogenfallen, 457 Schlagfallen, 4 Fangkäfige und 43 Netze sichergestellt. Wenn auch die meisten Wilderer deutlich über 50 Jahre alt waren, gab es auch in diesem Jahr wieder einige sehr junge Täter. So wurde am Iseosee ein 19jähriger überführt, im Val Trompia ein 21jähriger.

Wegen der vergleichsweise wenigen gefundenen Fallen und Netze hat die Polizei an manchen Tagen einige Patrouillen, die nicht mit einem Ansitz an einer Fangstelle beschäftigt waren, mit der Kontrolle von Jägern beauftragt. Dabei haben die Beamten insgesamt rund 30 lizenzierte Jäger erwischt, die illegal auf Buch- und Bergfinken geschossen hatten. Vier dieser Jäger wurden überführt, weil Komitee-Mitglieder der Polizei Hinweise gegeben hatten.

4. Einsätze der Jagdaufseher

Auch in diesem Jahr gab es von uns logistisch und finanziell unterstützte Einsätze der ehrenamtlichen Jagdaufseher unserer Partnerverbände LAC und WWF. Die mit Polizeigewalt ausgestatteten Naturschützer haben an allen Wochenenden Jäger in der Provinz Brescia kontrolliert, ein Schwerpunkt lag dabei auf dem Voralpenland um die Provinzhauptstadt Brescia.

Insgesamt wurden im Rahmen dieser Einsätze 47 Jäger der Wilderei überführt. Fast alle Täter hatten Buch- und Bergfinken geschossen, es wurden zudem auffällig viele getötete Kleiber und Rohrammern sichergestellt. Alle bei den Jägern gefundenen Jagdwaffen und Munition sowie lebende Lockvögel wurden beschlagnahmt. Etwa ein Viertel der von den Jagdaufsehern gestellten Wilderer geht auf Hinweise des Komitees zurück oder wurde im Rahmen von Komitee-Aktionen gestellt.

5. Beschlagnahmte Lockvögel

Bei einem Wilderer gefundene OrtolaneBei einem Wilderer gefundene OrtolaneDie Polizei hat in diesem Herbst 297 lebende Lockvögel bei überführten Wilderern beschlagnahmt. Es handelt sich zum einen um illegal an Netzen verwendete Vögel, um geschützte Arten, um nicht ordnungsgemäß beringte Tiere und um Vögel, die von Personen ohne gültige Jagderlaubnis verwendet worden waren.

Die Tiere wurden in die von uns finanziell unterstützte Wildtierauffangstation nach Modena gebracht. Der Leiter der Station war an fast allen Tagen in Brescia im Einsatz und wurde von den Beamten bei größeren Beschlagnahmen als Experte hinzugezogen. Die Vögel wurden von Komitee-Mitarbeitern bis zu ihrem Transport nach Modena versorgt.

6. Jagdfreigaben und Vogelfang-Genehmigungen

Seit über 15 Jahren kämpft das Komitee gegen den Vogelmord vor Gericht gegen die illegalen Sondergenehmigungen zur Jagd auf europaweit geschützte Finken und Pieper in Norditalien. Um das stete "Katz-und-Maus-Spiel" zwischen Behörden, Politikern, Gerichten und Naturschützern zu beenden, hat das Komitee im Jahr 2010 eine breite Allianz italienischer Natur und Tierschutzverbände geschmiedet. Mit vereinten Kräften wurden Protestaktionen durchgeführt und Lobbyarbeit in Rom und Brüssel betrieben. EU-Umweltkommissar Potočnik hat im Mai 2012 eine Delegation der beteiligten Verbände in Brüssel empfangen und sich persönlich über die Problematik informieren lassen. Wie auch schon in den Vorjahren hat die EU-Kommission Italien aufgefordert, mit den Abschussgenehmigungen sofort Schluss zu machen. Doch im Gegensatz zu früher hat es nun gewirkt: Die Lombardei hat die Jagd auf Finken und Pieper offiziell ausgesetzt. Venetien hat seine Jäger bis zum Schluss vertröstet und immer wieder versprochen, die Jagd bald freizugeben. Am Ende hat es aber auch hier keine Jagdfreigabe gegeben. Ein großer Erfolg für den Vogelschutz in Europa!

Die in der Provinz Brescia genehmigten 19 Groß-Fanganlagen zum Fang von Lockvögeln waren nur zwei Wochen in Betrieb. Die Sondergenehmigung zur Verwendung von Netzen zum Fang von Tausenden Drosseln und Lerchen wurde nach einer Klage des Komitees gegen den Vogelmord vor dem Verwaltungsgericht in Mailand verworfen. Die Fanganlagen mussten wieder schließen.

7. Kosten

Die Gesamtkosten für den Einsatz betragen rund 25.000 €. Dazu kommen Gerichtsgebühren und Anwaltshonorare in Höhe von etwa 6.000 € für unsere Klagen vor den Verwaltungsgerichten. Die Karl-Kaus-Stiftung für Tier und Natur (Bremen) fördert das Vogelschutzcamp im Jahr 2012 mit einer Spende in Höhe von 9.000 €.

Alexander Heyd, November 2012

Abschlussbericht zum Vogelschutzcamp Brescia 2012 als PDF

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