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Roccoli: Der Staat als Vogelfänger

In Bögen geschnittene Buchenhecken kennzeichnen GroßfanganlagenIn Bögen geschnittene Buchenhecken kennzeichnen GroßfanganlagenFür die Tarnhüttenjagd ist die Verwendung von Lockvögeln unerlässlich. Da die dringend benötigten Drosseln und Lerchen aber nur schwer zu züchten sind, werden sie in der freien Natur gefangen. Der italienische Staat selbst betätigt sich dabei als "Vogelfänger" und höhlt so das europäische Naturschutzrecht aus.

Der Vogelfang wird in Großfanganlagen betrieben - den sog. "Roccoli". Die etwa Fußballfeld großen Einrichtungen stehen auf für den Vogelzug bedeutsamen Pässen und wichtigen Zugrouten. Das Kernstück eines Roccolo ist eine mächtige, die gesamte Anlage umgebende Buchenhecke. Die Bäumchen sind über Jahrzehnte zu kunstvollen Rundbögen geschnitten und beherbergen in ihrem Inneren einen Laubengang von etwa einem Meter Breite und bis zu fünf Metern Höhe. Hier werden Netze gespannt, je nach Größe der Anlage bis zu 500 laufende Meter!
Der Roccolo bietet eine große Auswahl an beerentragenden Sträuchern, Wasserstellen, Futterplätzen und ist gespickt mit lebenden Lockvögeln. Nicht selten sorgen über 50 in enge Käfige gesperrte Tiere für ein frühlingshaftes Vogelkonzert, das durchziehende Artgenossen magisch anlockt.

In der Mitte des Fanggartens findet sich ein zweistöckiger Turm, in dem der Vogelfänger sitzt. Haben sich genügend Vögel versammelt, wirft er bumerangähnliche Holzstücke in das weitläufige Gelände. Die Tiere erkennen in den fliegenden Objekten herannahende Greifvögel und stürzen sich fluchtartig in die Schutz versprechende Buchenhecke - wo sie unversehens im Netz landen. In einem solchen Roccolo können täglich mehrere Hundert Vögel gefangen werden.

Nachschub für die Tarnhüttenjagd: Diese Singdrossel wird als Lockvogel enden.Nachschub für die Tarnhüttenjagd: Diese Singdrossel wird als Lockvogel enden.In den 1970er Jahren wurden noch über 2.000 solcher Großfanganlagen in Norditalien betrieben. Spätestens seit der Verabschiedung des neuen italienischen Jagdgesetzes im Jahr 1992 ist der Vogelfang auch in Italien verboten, so wie es die EU schon 1979 beschlossen hat. Tatsächlich wurden fast alle Roccoli geschlossen - aber eben nur fast. Denn um die "Tradition" der Tarnhüttenjagd erhalten zu können, musste der Staat für Nachschub an den benötigten Lockvögeln sorgen.

So erlauben die Regionen Oberitaliens - allen voran die Lombardei und das Veneto - in jedem Jahr die Öffnung von etwa 50 Roccoli. In den Fanganlagen werden dann im Herbst wieder die Netze gespannt und vom Staat bezahlte Vogelfänger überwachen den Fang der Tiere. Weil der Verkauf der Vögel offiziell verboten ist, werden sie gegen eine "Gebühr" an die Jäger abgegeben. Dass diese dem Preis einer gezüchteten Drossel entspricht, ist wohl kaum ein Zufall - es ist eine versteckter Verkauf, an dem der Staat kräftig verdient. In jedem Jahr landen auf diese Art und Weise rund 50.000 Wildvögel in den Lockvogelkäfigen der Tarnhüttenbesitzer - entgegen EU-Recht, aber von den italienischen Behörden authorisiert!

Die Einhaltung der Gesetze fällt manchen staatlich bestellten Fängern dabei ziemlich schwer. Nicht selten werden bei Kontrollen Mängel festgestellt - zum Beispiel kommen immer wieder falsche Netze zum Einsatz oder sie werden nicht, wie vorgeschrieben, zur Nachtzeit eingeholt. Viel schlimmer aber ist, dass nicht wenige Fänger nebenbei ihre Kühltruhen füllen. Vor allem die geschützten Arten wie Rotkehlchen und Finken, die zufällig in den Netzen landen und eigentlich umgehend freigelassen werden müssen, verschwinden in so manchem staatlich betriebenen Roccolo auf unerklärliche Weise. Jedes Jahr überführen Jagdaufseher und Forstpolizei Vogelfänger der Wilderei und lassen die Fanganlagen kurzerhand schließen.

Da aber selbst die augenscheinlich ordnungsgemäß geführten Roccoli gegen internationales wie nationales Recht verstoßen, klagt das Komitee gegen die Fanggenehmigungen vor den regionalen Verwaltungsgerichten. In jedem Jahr gelingt es uns auf diesem Wege, dass die Vogelfänger ihre Netze wieder einholen müssen! Die Anlagen bleiben dann monatelang verwaist, bis wieder eine neue Fanggenehmigung erteilt wird ...