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Greifvogelverfolgung in NRW: 2005 bis 2009

Aktuelle Veröffentlichung im "Charadrius" Nr. 46 (2010)

Polizist mit vergiftetem RotmilanPolizist mit vergiftetem RotmilanTrotz strenger Schutzbestimmungen ist die illegale Verfolgung von Greifvögeln und Eulen in Nordrhein-Westfalen (NRW) nach wie vor weit verbreitet und stellt eine ernsthafte Bedrohung für den Erhalt vieler Arten dar. Von Januar 2005 bis Dezember 2009 wurden in NRW insgesamt 189 Fälle illegaler Nachstellungen registriert, bei denen mindestens 360 Greifvögel und 11 Eulen getötet oder gefangen wurden. Insgesamt waren 10 Greifvogel- und 2 Eulenarten betroffen.

Bei den Opfern handelte es sich um 249 Mäusebussarde, 33 Habichte, 23 Rotmilane, 7 Sperber, 6 Wanderfalken, 1 Baumfalke, 16 Turmfalken, 1 Rohrweihe, 3 Wiesenweihen, 1 Kornweihe, 9 Uhus und 2 Waldohreulen sowie 20 nicht näher bestimmte Greifvögel. Dabei handelt es sich allerdings nur um die Spitze des Eisberges, der Großteil der Taten bleibt nach Einschätzung von Experten nach wie vor unentdeckt.

Das Komitee gegen den Vogelmord hat alle zur Verfügung stehenden Daten zusammengefasst und im aktuellen Heft 46 der Zeitschrift "Charadrius" der Nordrhein-Westfälischen Ornithologengesellschaft (NWO) veröffentlicht. Eine kleine Zusammenfassung finden Sie hier - das Heft erhalten Sie über die NWO.

Giftköder

Hühnerherzen mit Taubenfedern sollen Greifvögel anlockenHühnerherzen mit Taubenfedern sollen Greifvögel anlockenMit insgesamt 80 Fällen und 259 Opfern ist die Tötung von Greifvögeln mit vergifteten Fleischködern die häufigste und aus Perspektive der Täter leider auch die „effektivste“ der festgestellten Verfolgungsmethoden. In insgesamt 52 Fällen wurde eine toxikologische Untersuchung getöteter Vögel oder mutmaßlicher Köder durch ein Labor durchgeführt. Dabei konnte 24 Mal der Wirkstoff Carbofuran, in 14 Fällen Aldicarb, 8 Mal Mevinphos (Phosdrin), in 5 Fällen Parathion (E605) festgestellt werden. Besitz, Anwendung und Verkauf dieser vier Substanzen sind in Deutschland wegen ihrer Umweltschädlichkeit verboten.

Abschuss

Berücksichtigt wurden 41 Fälle, bei denen einer oder mehrere Greifvögel an- bzw. abgeschossen entdeckt wurden. In 31 Fällen konnte die von den Tätern verwendete Munition durch eine Röntgenaufnahme eindeutig identifiziert werden. Dabei handelte es sich in 21 Fällen um Schrotkörner, 8 Mal um Luftdruckwaffen und 2 Mal um ein Vollmantelgeschoss bzw. dessen Bleiabrieb.

Fang

Habichtfangkorb auf einem TaubenschlagHabichtfangkorb auf einem TaubenschlagDer Fang von Greifvögeln mit Habichtfangkörben, Krähenmassenfallen, Teller- bzw. Abzugseisen oder weiteren, meist von den Tätern selbst gebauten Fangeinrichtungen wurde 49 mal festgestellt und zur Anzeige gebracht.
Im Rahmen der daraufhin eingeleiteten Ermittlungs- und Strafverfahren wurden von den Behörden insgesamt 19 Habichtfangkörbe, 16 Krähenmassenfallen, 10 Tellereisen und 3 Drahtfallen sichergestellt oder unschädlich gemacht.

Sonstige Fälle

In dieser Kategorie wurden 19 Fälle zusammengefasst, bei denen es sich nicht um Vergiftung, Fang oder Abschuss handelt. An erster Stelle stehen dabei Eingriffe in Greifvogelbruten, insbesondere Horstbaumfällungen, mutwillige Störungen oder Aushorstungen von Greifvogelbruten. In drei weiteren Fällen wurden aus der Natur entnommene Greifvögel in Haltung festgestellt und von den Behörden beschlagnahmt.

Lage der Tatorte

Betroffen von illegaler Greifvogelverfolgung waren 32 von 53 Kreisen bzw. kreisfreien Städten in NRW, wobei mehr als die Hälfte aller Tatorte in den sechs Kreisen Heinsberg (28), Düren (19), Steinfurt (17), Warendorf (16), Euskirchen (13) und Kleve (11) liegt - also im weitgehend landwirtschaftlich geprägten Tiefland.

Welche Rolle spielen jagdliche Interessen?

Sicherstellung eines vergifteten Bussards - im Hintergrund  der Hochsitz des TätersSicherstellung eines vergifteten Bussards - im Hintergrund der Hochsitz des TätersUm zu überprüfen, ob ein Zusammenhang zwischen Intensität der Jagd auf das so genannte „Niederwild“ und der Greifvogelverfolgung besteht, wurde die Anzahl der auf Kreisebene nachgewiesenen Greifvogelverfolgungen mit den Jagdstrecken für Fasane und Feldhasen verglichen.

Dabei wurde festgestellt, dass aus dem Tiefland von NRW, wo jedes Jahr zahlreiche Fasane und Hasen geschossen werden, durchweg auch besonders viele Fälle von Greifvogelverfolgung gemeldet wurden. In Mittelgebirgslagen, in denen das „Niederwild“ jagdlich eher bedeutungslos ist, sind in der Regel keine oder nur sehr wenige Fälle festgestellt worden.
Ein statistischer Test ergab, dass illegale Greifvogelverfolgung und die Intensität der Niederwildjagd hochsiginfikant miteinander zusammenhängen. Damit ist belegt, dass jagdliche Interessen ein wichtiges Motiv für diese Art von Straftaten sind.


Ermittlungs- und Gerichtsverfahren

Beim Großteil der bekannt gewordenen Fälle wurden von Polizei und Staatsanwaltschaften Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet, die jedoch in den meisten Fällen ergebnislos eingestellt wurden. In fünf Fällen sind bisher von der Staatsanwaltschaft Anklagen erhoben bzw. Strafbefehle verschickt worden:

  • Wegen der Vergiftung von drei Bussarden und eines Rotmilans sowie des Abschusses eines weiteren Greifvogels wurde gegen einen Taubenzüchter aus Minden ein Strafbefehl in Höhe von 2.700 EURO (90 Tagessätze á 30 Euro) verhängt.
  • Weil er von einem Hochsitz aus einen Mäusebussard mit einem Drillingsgewehr erlegt hatte, wurde ein Jäger aus dem Kreis Warendorf vom Amtsgericht Beckum zu einer Geldstrafe von 600 Euro (30 Tagessätze á 20 Euro) rechtskräftig verurteilt.
  • Wegen des Aufstellens einer selbst gebastelten Greifvogelfalle wurde gegen einen Hühnerzüchter aus Siegen ein Strafbefehl in Höhe von 600 Euro (60 Tagessätze á 10 Euro) verhängt.
  • Weil er mit einer Nordischen Krähenmassenfalle Greifvögeln und Krähen nachgestellt hat, ist ein Jäger aus dem Münsterland am 12. März 2009 zu einer Geldstrafe von 3.000 Euro (60 Tagessätze á 50 Euro) verurteilt worden.
  • Wegen Tierquälerei und Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz wurde ein Jagdpächter aus dem Kreis Düren am 3. September 2009 zu einer Geldstrafe von 2.400 Euro (80 Tagessätze á 30 Euro) verurteilt. Der Mann war von Komiteemitarbeitern mit einem vergifteten Bussard und einem Habichtfangkorb gefilmt worden.

Es bleibt zu hoffen, dass andere Greifvogel-Feinde durch diese Urteile abgeschreckt werden. Angesichts von mehr als 180 ungelösten Fällen seit 2005 gibt es zweifellos noch viel Raum für Verbesserung bei der Aufklärung derartiger Straftaten. Das Komitee gegen den Vogelmord und der NABU haben deshalb den zuständigen Umweltminister Eckhard Uhlenberg aufgefordert, in NRW eine Schwerpunkstaatsanwaltschaft „Umweltkriminalität“ einzurichten und sich für ein bundesweites Verkaufsverbot von Habichtfangkörben und Tellereisen einzusetzen.

Quelle: Hirschfeld, A. (2010): Illegale Greifvogelverfolgung in Nordrhein-Westfalen in den Jahren 2005 bis 2009. Charadrius 46: 89-101.

Bericht zum Download

Den Bericht können Sie hier als pdf herunterladen:

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