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Protest gegen Möwenjagd in Bocholt zeigt Wirkung

Weiter Wirbel um Möwenjagd im Industriegebiet - Großbäcker droht Vogelschützern mit Anwalt

Pressemeldung vom 28.11.2006

Bocholt: Nachdem am vergangenen Donnerstag (23.11.06 - siehe unten) auf dem Gelände einer Bocholter Backfabrik mehr als 20 Möwen geschossen wurden, sorgen Filmaufnahmen, die das Töten verletzter Tiere zeigen, weiter für Wirbel. Tierschützer werfen den beteiligten Jägern unwaidmännisches Verhalten und Tierquälerei vor. Wie das Komitee gegen den Vogelmord mitteilt, sei auf dem Material zu erkennen, wie ein Jäger mit den getöteten Tieren regelrecht Fußball spielt. In einem weiteren Fall habe ein Waidmann eine Möwe zuerst angeschossen, anschließend mit einem Knüppel acht Mal auf den Vogel eingeschlagen und dann den Kopf des vermutlich immer noch lebenden Vogels mit seinen Füßen zerquetscht. „Das hatte mit Jagd nichts mehr zu tun, das war ein regelrechtes Gemetzel“, so Vogelschützer Alexander Heyd, der gegen die beiden beteiligten Jäger Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Münster und der Kreisverwaltung Bocholt erstattet hat. Um die angebliche Möwenplage in den Griff zu bekommen – so raten die Vogelschützer - müssten vielmehr die Backabfälle so gelagert werden, dass die Möwen keinen Zugang mehr dazu hätten.

Wie heute bekannt wurde, hat die Firma Sinnack dem Komitee gegen den Vogelmord am Montag (27.11.06) per Anwalt mit einer Klage wegen Rufschädigung gedroht. So habe sich der Sinnack-Großkunde ALDI bereits an die Firma gewandt und auf eine mögliche Belastung bestehender Vertragsverhältnisse wegen der Berichterstattung über die Möwenjagd hingewiesen. In einem am Montag per Fax verbreiteten Schreiben behaupten die Anwälte der Backfirma zudem, es sei unzutreffend, dass Backabfälle bei Sinnack in offenen Behältern gelagert werden. Richtig sei vielmehr, so die Anwälte, dass die Container grundsätzlich geschlossen seien. Die vom Komitee am Donnerstag erstellten Videoaufnahmen belegen jedoch das Gegenteil: „Direkt neben der Fabrikhalle standen mehrere offene Müllcontainer, in denen sich tonnenweise Abfall und Brotreste befanden, das lockt natürlich Vögel an“, kritisiert Alexander Heyd. Erst nachdem das Komitee am Freitag eine Pressemeldung über die Möwenjagd verschickt hatte, habe man bei Sinnack begonnen, die Behälter mit Planen abzudecken. Einen weiteren Teilerfolg konnten die Vogelfreunde am 27.11.2006 verbuchen: Die für dieses Datum von den Jägern selbst angekündigte erneute Möwenjagd auf dem Sinnack-Gelände wurde kurzfristig abgesagt.

Weltweite Proteste bei Sinnack

Eine spontan von der mit uns befreundeten Organisation Proact im Internet verbreitete Protestaktion führte zu einer großen Zahl von Protestmails an die Bäckerei Sinnack sowie an Lokalmedien in Bocholt. Insgesamt wurden binnen drei Tagen mehr als 100 Mails von Natur- und Tierfreunden aus 16 Europäischen Ländern sowie den USA, Australien und selbst aus der Karibik (Inseln Saint-Pierre et Miquelon) ins Münsterland geschickt. Gefordert wurde eine umsichtigere Lagerung der Backabfälle, so dass es zukünftig keiner weiteren Massenabschüsse mehr bedarf.

Pressemeldung und Infos vom 24.11.2006

Bocholt/Bonn: Innerhalb weniger Stunden sind am 23. November 2006 auf dem Betriebsgelände des ALDI-Zulieferes Sinnack in Bocholt wieder Dutzende Lach- und Silbermöwen von Jägern getötet worden. Mitglieder des Komitees gegen den Vogelmord, die die Jagd mit einer Videokamera dokumentiert haben, sprechen von einem regelrechten "Gemetzel", bei dem die Schützen offenbar auch gegen Vorschriften des Landesjagdgesetzes verstoßen haben. „Viele Tiere wurden lediglich angeschossen und flatterten minutenlang schwerverletzt auf dem Boden herum. Anschließend wurden sie von den Jägern mit Knüppeln erschlagen.“ berichtet Alexander Heyd, der für das Komitee gegen den Vogelmord vor Ort war. Die Kadaver der frisch erlegten Tiere haben die Jäger zum Teil mit den Füßen vor sich her getreten, um sie als tote Lockvögel vor der Großbäckerei zu verteilen.

Als Grund für die Abschüsse führt die Sinnack GmbH - die sich die Jagd auf ihrem Firmengelände vom Kreis Borken hatte genehmigen lassen - eine angebliche „Möwenplage" an. Komitee-Geschäftsführer Heyd hat kein Verständnis für diese brutale Art der „Schädlingsbekämpfung“, er hält das Problem für hausgemacht: „Vor der Fabrik wurden riesige Mengen Backabfälle in offenen Containern gelagert, das lockte natürlich Vögel an. Offensichtlich wolle man keine geschlossenen Behälter anschaffen und hat stattdessen lieber die angelockten Tiere abgeschossen“, so Heyd.

Zudem seien Möwen Zugvögel und strichen im ganzen Land umher. "Die heute an den Abfall-Containern von Sinnack sitzenden Möwen können nichts von der Jagd vom 23. November wissen", so Heyd, "eine wirksame abschreckende Maßnahme können die Massenabschüsse also nicht darstellen!" Zu allem Überfluss sei eine genaue Bestimmung von Möwen nur Experten möglich. In NRW kommen nach Angaben des Komitees in dieser Jahreszeit 7 verschiedene Möwenarten vor - doch nur zwei Arten (Lach- und Silbermöwen) dürfen geschossen werden. Die Jungtiere der inzwischen auch in Deutschland häufigen Mittelmeermöwe seien jenen der Silbermöwe so ähnlich, dass man sie mit letzter Sicherheit nur mittels einer DNA-Analyse auseinanderhalten könne.

Nach Angaben von Anwohnern der Großbäckerei hat bereits am 3. Februar 2006 eine ähnliche Aktion auf dem Parkplatz der Sinnack-Werke stattgefunden, bei der etwa 80 Tiere geschossen wurden. Nächster Abschusstermin sollte der 27. November 2006 sein. Um gegen die „brutalen und tierquälerischen Massenabschüsse“ (Heyd) vorzugehen, hat das Komitee gegen den Vogelmord die Jäger wegen Verdachtes auf Tierquälerei und Verstoß gegen das Landesjagdgesetz am 24.11.06 bei der Staatswanwaltschaft Münster bzw. der Kreisverwaltung Borken angezeigt. Weiterhin wollen sich die Vogelschützer auch direkt bei der Geschäftführung der ALDI Nord GmbH über die tierschutzfeindlichen Praktiken ihres Zulieferers aus Bocholt beschweren. Heyd: „Wenn die Leute kein Ei aus Quälerei haben wollen, können sie das auch für ihre Brötchen verlangen.“