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Erste Hilfe für Jungvögel

Jungvögel sind unermüdliche Bettler. Aber Vorsicht: Sie überfressen sich leicht!Jungvögel sind unermüdliche Bettler. Aber Vorsicht: Sie überfressen sich leicht!Frühlingszeit ist Jungvogelzeit. Nicht selten passiert es, dass ein Küken aus dem schützenden Nest fällt oder sogar springt. Aber Vorsicht: Ein aus dem Nest gefallener Jungvogel oder ein von den Eltern verlassenes Küken ist immer eine aufregende Angelegenheit – für den Vogel ebenso wie für den Finder. Ein solches Wildtier aufzunehmen und über Wochen fachgerecht zu ernähren, ist ein Fall für Profis, denn Sie können viele Fehler machen, vor allem bei der Ernährung.

Bis der Vogel am rechten Ort ankommt, vergehen meist viele Stunden, denn oft sind die Anlaufstellen ehrenamtlich betrieben und deswegen nicht immer einfach zu erreichen oder sie sind ein ganzes Stück entfernt und der Transport muss arrangiert werden. Diese Stunden sind entscheidend für das Überleben des Tieres. Hier geben wir Ihnen Tipps für diese „Erste Hilfe“:

Fragen Sie sich bitte zuerst, ob der gefundene Jungvogel wirklich verlassen ist. Es gibt im Leben der Vögel die sogenannte Ästlingsphase“. Die Jungvögel sind groß und kräftig genug, um das Nst zu verlassen, die Umgebung zu erkunden und die Flugmuskulatur zu trainieren. Sie sind dann zwar noch nicht flugfähig, werden aber von den Alttieren betreut. Sie kommunizieren verbal mit den Eltern, was für Menschen häufig wie Hilferufe klingen. Beobachten Sie deswegen, ob die Alttiere zum Füttern erscheinen. Ist dies der Fall, reicht es bereits den Vogel in der direkten Umgebung auf einen vor Katzen oder Fahrzeugen sicheren Platz zu schaffen. Und keine Sorge, Sie können ihn durchaus anfassen. Vögel können – anders als vielfach berichtete – Menschen nicht „wittern“.

Die Handaufzucht von Jungvögeln ist nicht ganz leicht. Am besten gibt man die Tiere in die Hand von "Profis".Die Handaufzucht von Jungvögeln ist nicht ganz leicht. Am besten gibt man die Tiere in die Hand von "Profis".Wenn Sie sicher sind, dass das Küken verlassen ist, nehmen Sie es an sich. Unterkühlung ist für Jungvögel lebensgefährlich. Am besten und sichersten bringen Sie das Tier in einem abgeschlossenen Karton (Luftlöcher im Deckel nicht vergessen!) unter, in dem Sie aus einem alten Handtuch oder einer ausgedienten Mütze eine nestähnliche Struktur basteln. So ist das Küken warm und auch sicher für den späteren Transport in eine Pflegeeinrichtung untergebracht. Zur Not können Sie sich mit Papiertüchern behelfen, die sind beim Transport aber rutschiger. Wegen der großen Gefahr der Unterkühlung sollte der Karton an einem warmen, wenn nötig beheizten und ruhigen Platz bis zum Transport aufgestellt werden. Das Küken sollte eine Temperatur leicht über der menschlichen Körpertemperatur haben - wenn sich das Tier in der Hand warm anfühlen, ist die Wahrscheinlichkeit der Unterkühlung sehr gering.

Auch wenn Unterkühlung die größte Gefahr für die Küken ist, könnte es auch dehydrieren, vor allem, wenn Sie aus widrigen Gründen das Tier über mehrere Stunden unterbringen müssen. Generell brauchen Jungvögel Wasser nötiger als Futter. Da sie in der Natur Flüssigkeit nur mit der Nahrung aufnehmen, können sie nicht selbständig trinken. Damit das Tier mit dem Wasser auch Energie aufnimmt, stellen Sie eine 10%ige Zuckerlösung her, die Sie dem Küken anbieten. Lösen Sie dafür eine Messerspitze Zucker oder Traubenzucker in einem Eierbecher Wasser auf. Achtung Erstickungsgefahr! Luft – und Speiseröhre sind bei Vögeln so angeordnet, dass bei unfreiwilliger Wasseraufnahme Flüssigkeit in die Lunge gelangen kann. Das Tier erstickt dann qualvoll. Der Vogel muss das Wasser also aktiv aufnehmen. Das geht am besten, indem Sie einen Tropfen Flüssigkeit direkt an seinen Schnabelrand bringen. Das Tier wird das Wasser dann selber aufnehmen. Wenn Sie keine Pipette dafür zur Hand haben, tauchen Sie einfach einen Finger in das Wasser und bieten dem Tier den an der Fingerspitze entstehenden Tropfen an. Bitte waschen Sie sich davor gründlich die Hände!

Falls sich die Platzbeschaffung hinzieht, muss der Vogel auch gefüttert werden. Mehr als einen halben Tag sollte er nicht ohne Futter bleiben. Bei der Fütterung kann man als ungeübter Mensch sehr viel falsch machen, was auch im Nachhinein durch die Experten nicht mehr rückgängig gemacht werden kann!

Mit einer stumpfen Pinzette kann man Jungvögel (hier ein Haussperling) leicht füttern.Mit einer stumpfen Pinzette kann man Jungvögel (hier ein Haussperling) leicht füttern.Das Wichtigste vorweg - die Tabus: Hunde- und Katzenfutter sind ebenso wie gesalzene oder gewürzte Speisen ungeeignet. Für die Erstversorgung nehmen Sie bitte auch keinerlei Milchspeisen, Hackfleisch, Obst oder Sämereien. Auch Brot und Haferflocken sind tabu, da sie zu einer Betonartigen Masse verkleben. Auch rohes Ei ist für Jungvögel gefährlich, da es ebenso verklebt und erstickt. Mehlwürmer sind für Jungvögel ungeeignet, da ihre feste Haut nicht verdaut werden kann. Auch lebenden Fliegenmaden dürfen nicht verfüttert werden, da sie im Kropf weiterleben und anfangen, die Küken von innen aufzufressen. Bitte vermeiden Sie auch Ei- und Aufzuchtfutter aus dem Handel, genauso wie getrocknete Insekten.

Was die meisten Menschen nicht wissen, ist, dass auch Regenwürmer für die Handaufzucht nicht geeignet sind. Unsere heimischen Würmer sind nahezu komplett mit Parasiten (z.B. Spulwürmer oder Luftröhrenwürmer) befallen, die wiederum im Zweifel tödlich für Jungvögel sind. Alttiere füttern in der Natur ihre Küken zwar mit Regenwürmern, aber wir wissen nicht, ob sie den Darminhalt der Würmer vorher entleeren oder wie viele wurmfressende Jungvögel jedes Jahr an den Wurmparasiten sterben.

Wenn man nicht weiß, zu welcher Singvogel-Art der Jungvogel in Not gehört, ist es im Zweifel am sichersten, Insekten zu füttern, da selbst Körnerfresser wie Finken ihren Nachwuchs mit Insekten versorgen. Geeignet sind Heimchen oder Steppengrillen (Zoohandel) sowie Wachsmottenlarven (Anglerbedarf). Oder man geht selber auf der Wiese nach Insekten jagen. Dabei sind Bienen, Wespen und leuchtfarbige Insekten zu vermeiden. Den stabileren Insekten wie den Heimchen oder Grillen, müssen vor der Fütterung die Beine entfernt werden, da diese die empfindliche Speiseröhre verletzen könnten. Wachsmotten sollten vor der Fütterung zerteilt und in Wasser getunkt verfüttert werden. Falls Sie „Beoperlen“ zur Hand haben, können Sie auch diese im Notfall in Wasser eingeweicht anbieten. Zur Notfallversorgung können Sie auch Ei mit Mineralwasser und etwas Zucker anrühren und in der Mikrowelle oder einem Topf stocken lassen. Abgekühlt ist es zur Überbrückung auch ein geeignetes Futter. Sollten Sie Nestlingsfutter zur Hand haben, denken Sie bitte dran, diese nicht trocken an die Vögel zu verfüttern, sondern eingeweicht!

Mit einer sauberen stumpfen Pinzette können Sie das Futter vorsichtig in den Schnabel bugsieren, es geht aber auch mit der Hand. Die Schnäbel unserer heimischen Jungvögel sind noch sehr weich und können leicht verletzt werden. Eine behutsame Vorgehensweise ist essentiell. Lassen Sie sich anfangs nicht zu sehr vom Betteln erweichen, denn Jungvögel überfressen sich gerne. Solche Findlinge sind meist bereits längere Zeit ohne Futter gewesen und ihr empfindliches Verdauungssystem muss erst wieder langsam an Futter gewöhnen, gerade wenn es ungewohntes Futter ist. Füttern Sie deswegen am Anfang (erste bis dritte Fütterung) in kleinen Mengen und warten Sie mit der nächsten Fütterung, bis der Jungvogel einmal Kot abgesetzt hat. Wenn Kot und Betteln ok sind, steigern Sie langsam die Futtermenge. Bitte füttern Sie grundsätzlich keine unterkühlten Küken – sie müssen auf jeden Fall handwarm sein! Und denken Sie an die Hygiene. Bitte waschen Sie sich vor dem Füttern immer die Hände und entfernen Sie auch regelmäßig den Kot bzw. erneuern das „Kunstnest“.

Ausnahmen von dieser Art der Fütterung machen nur Nestflüchter. Hühnervögel fressen in den ersten Tagen meist Insekten, aber schon ab dem 5. Lebenstag Körner. Hierfür gibt es im Handel Kükenfutter („Kükenkorn“), geschrotetes Getreide ist aber auch gut, ebenso wie etwas Salat. Wasservögeln wie Enten oder Schwänen bieten Sie stattdessen eine Wasserschale mit Salat, Gras, Löwenzahn- oder Brennnesselblättern an. Jungtieren von Greifvögeln oder Eulen können Sie kaum etwas Adäquates reichen – zum Glück kommen sie meist auch problemlos einen halben Tag ohne Futter aus. Taubenküken werden von ihren Eltern mit einem speziellen Nahrungssekret gefüttert und sind deswegen extrem schwierig über die Zeit zu retten.

Und auch wenn der Abschied schwerfällt – nur erfahrene Pflegeeltern können dem Zögling eine Zukunft geben. Sie müssen auch bedenken, dass die Aufzucht von Jungvögeln sehr zeitintensiv ist. Ein Küken braucht, damit es aufwachsen kann, jede halbe bis ganze Stunde Futter und das von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang.

Weitere Informationen zu Anlaufstellen und die Versorgung von Wildvögeln finden Sie auf der hier oder auf der sehr informativen Internetseite wildvogelhilfe.org oder Sie rufen einfach bei uns im Büro an: 0228/ 665521.