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Tödlicher Müll

Vogelverluste durch Angelköder und –schnüre

"Wobbler" am Fuß einer Gans"Wobbler" am Fuß einer GansDass die bei der Fischerei auf dem Meer verwendeten Langleinen für den Tod zahlreicher Albatrosse und anderer Seevögel verantwortlich sind, ist seit Jahren einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Durch Kampagnen wie „Rettet die Albatrosse“ konnten viele Fischereiunternehmen davon überzeugt werden, auf vogelfreundliche Ausrüstung umzusteigen und so die Vogelverluste auf den Ozeanen deutlich zu reduzieren. Ganz anders die Situation im deutschen Binnenland. Auch hier sterben jedes Jahr ungezählte Wildvögel an unfreiwilligen Angelandenken wie Nylonschnüren und mit Drillingshaken bestückten Ködern. Doch im Gegensatz zu den Verlusten auf dem Meer ist das Vogelsterben abseits der Küsten bisher nur spärlich dokumentiert. Eine Kampagne des Komitees gegen den Vogelmord soll das nun ändern.

Schwanen-Drama am Grünen See

Als Vogelschützer Reinhard Vohwinkel am 20. September 2011 zum Grünen See bei Ratingen fuhr, um einen verletzten Höckerschwan zu bergen, ahnte er noch nicht, dass er zum Schauplatz einer Tragödie unterwegs war. Spaziergänger hatten das verletzte Tier, das sich mit dem Schnabel in einer Angelschnur verfangen hatte, entdeckt und Vohwinkel informiert. Dem Experten gelang es ohne Probleme, den Schwan einzufangen und von der feinen Nylonschnur zu befreien. „Als ich den Rest der Schnur aus dem Wasser ziehen wollte, stellte ich fest, dass ein zweiter Schwan daran hing“. Die Schnur hatte sich um die Füße des Vogels gewickelt und bereits tief ins Fleisch eingeschnitten. „Ohne Hilfe wäre auch dieses Tier gestorben“, so der Vogelschützer. Doch auch nachdem Schwan Nummer zwei befreit und versorgt worden war, hing noch ein Teil der Angelschnur im Wasser. Als Vohwinkel daran zog, spürte er erneut Widerstand. Wenige Minuten später dann die traurige Gewissheit: Aus den Tiefen des Sees zog der Ornithologe den halb verwesten Kadaver eines dritten Höckerschwans an Land. Auch dieses Tier hatte sich hoffnungslos in der Leine verfangen und war anschließend offenbar ertrunken.

Auch seltene Arten betroffen

Dieser Gimpel aht sich hoffnungslos in einer Angelschnur verheddert (Foto © Gerhard Brodowski)Dieser Gimpel aht sich hoffnungslos in einer Angelschnur verheddert (Foto © Gerhard Brodowski)Ein Einzelschicksal? Nein! Immer wieder werden durch Angelschnüre strangulierte oder durch Haken verletzte Wildvögel gefunden. Allein die Mitarbeiter der Vogelpflegestation Paasmühle (Hattingen) mussten im Zeitraum November 2009 bis Dezember 2011 insgesamt 19 Mal ausrücken, um Opfern von Nylonschnüren, Wobblern und Blinkern zu helfen. Betroffen sind vor allem Wasservögel wie Schwäne, Gänse, Enten, Teichhühner, Reiher, Kormorane und Möwen. Aber auch seltene und bedrohte Arten sind unter den Opfern. So wurde im nordrhein-westfälischen Kreis Siegen-Wittgenstein ein Fischadler entdeckt, der sich an einem so genanntem Blinker – einem mit Drillingshaken bestückten Metallfisch - verfing und später an seinen Verletzungen zugrunde ging. An einer Kolonie am Niederrhein entdeckten Vogelschützer mehrere tote Flussseeschwalben. Auch diese Tiere hatten sich in Angelschnüren verfangen. Mehr Glück hatte ein Silberreiher, der am Altrhein bei Weisweil (Baden-Württemberg) von Spaziergängern kopfüber in einer Weide hängend gefunden wurde. In einer gemeinsamen Rettungsaktion befreiten Revierförster Detlev Franke und Vogelexperte Rüdiger Weis den Vogel aus seiner misslichen Lage. Mit vereinten Kräften bogen die beiden Helfer den Ast so weit nach unten, dass sie die Angelschnur greifen und abschneiden konnten. An deren Ende hing ein großer Angelhaken und ein Weichplastik-Fischköder.

Aufruf zur Mitarbeit

Andernorts in Deutschland wurden bereits Bussarde, Waldkäuze, Dohlen und sogar Gimpel als Opfer von Angelzubehör festgestellt. Komitee-Wasservogelexperte Thomas Hellwig ist sich sicher, dass es sich bei den bisher öffentlich gewordenen Fällen nur um die Spitze des Eisberges handelt. „Die meisten Vögel sterben unbemerkt, versinken im Wasser und werden nie entdeckt“. Um festzustellen, wie groß die Verluste tatsächlich sind, führt das Komitee seit Beginn des Jahres 2012 ein bundesweites Monitoring von Vogelverlusten durch Angelzubehör durch. Hauptziel ist es, die dadurch verursachten Verluste genau analysieren zu können und anhand der Daten Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten. „Das kann bis zur Forderung nach einem Verbot bestimmter Köder wie zum Beispiel Wobblern und künstlichen Köderfischen gehen“, so Hellwig. Vor allem aber sollen Angler davon überzeugt werden, ihren gefährlichen Müll nicht einfach so in der Landschaft liegen zu lassen.

Um für die Kampagne und Gespräche mit Fischereiverbänden eine möglichst breite Datenbasis zu haben, ruft das Komitee alle Vogelfreunde, Behörden und Pflegestationen auf, entsprechende Fälle zu melden. Hinweisgeber werden gebeten, ihre Daten – am besten mit Foto – an die Komitee-Geschäftsstelle in Bonn zu übermitteln. Sier können uns die Unterlagen per email übersenden (info(at)komitee.de - bitte das "at" durch ein "@" ersetzen) oder per Post an:

Komitee gegen den Vogelmord
An der Ziegelei 8
53127 Bonn