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Elster, Krähe und Co.

Wenn es um Elstern, Krähen und Eichelhäher geht, sieht so mancher Vogelschützer rot. Die Tiere gelten als Nesträuber Nummer 1 und sind deswegen in weiten Teilen der Bevölkerung ungeliebt. Doch die gesellige Verwandtschaft der Raben ist weit besser als ihr Ruf!

Nestraub – ein echtes Problem?

Die Elster trifft keine Schuld am Rückgang von Vogelbeständen (© Hans-Jörg Hellwig/Wikimedia Commons)Die Elster trifft keine Schuld am Rückgang von Vogelbeständen (© Hans-Jörg Hellwig/Wikimedia Commons)Kein Vogelschützer sieht es gerne, wenn sich eine Elster an einem Amselgelege gütlich tut und sich ein Junges nach dem anderen einverleibt. Die Küken tun einem ebenso leid wie die aufgeschreckten Altvögel, ein alltägliches Drama in deutschen Gärten. Die Welt sieht ganz anders aus, wenn der Stubentiger die Wühlmaus im Gemüsebeet endlich erwischt hat und die hungrige Meisenfamilie im Nistkasten am Balkon mit den Blattläusen aus den Rosen großgezogen wird. Menschen beurteilen den gleichen Vorgang völlig unterschiedlich, sind die Amseln doch „gut“ – Blattläuse und Wühlmäuse dagegen scheinbar wenig erhaltenswert.

Doch was der Blaumeise die Blattlaus ist, ist der Elster das Amselküken. Amseln – wie auch Meisen – brüten in der Regel zwei und drei Mal im Jahr, aus ihren Gelegen schlüpfen in jedem Sommer 15 und mehr Junge. Der reiche „Kükensegen“ dient zwar in erster Linie der Erhaltung der Art, ist aber vor allem auch eine stete Nahrungsquelle für andere Tiere. Marder, Greif- und Rabenvögel, ja sogar Eichhörnchen sind auf die Nahrung aus den Vogelnestern angewiesen. Eine Beeinflussung von Brutbeständen der beliebten Kleinvögel gelingt den Rabenvögeln dagegen nicht. Eine Elsternbrut kann in den umliegenden Gärten zwar für einen erheblichen Aderlass unter dem Vogelnachwuchs sorgen – auf größere Flächen betrachtet ist eine Auswirkung auf die Vogelbestände durch Elster, Krähe und Co. nicht festzustellen. Ein gutes Indiz hierfür sind die stabilen und sehr hohen Bestände von Amseln, deren Nester am häufigsten vom Nestraub betroffen sind.

Die Rabenvögel - Insektenfresser?

Die Nahrung der Elster besteht überwiegend aus Insekten. Daneben frisst sie gerne Weichtiere, Früchte und Abfälle – der Anteil an Vögeln und Vogeleiern beträgt bei Altvögeln wie auch bei Elsternküken weniger als einen Prozent! Krähen sind typische Allesfresser, deren Nahrung zu weit über 90 % aus Weichtieren, Insekten, Früchten, Getreide und Abfällen besteht. Kaum mehr als 2 % der Nahrung ausgewachsener Krähen besteht aus Vögeln. Die Jungtiere dagegen benötigen einen etwas höheren Anteil an Wirbeltieren, werden aber im Heranwachsen immer mehr zu Insektenfressern „erzogen“.
Auch der Eichelhäher geht nicht als „Vogelmörder“ durch. Im Sommerhalbjahr besteht die Nahrung der Vögel zu rund 60 % aus Raupen und Schmetterlingen – fast allesamt von Arten, die als typische „Forstschädlinge“ bekannt sind. Daneben werden Spinnen, Weichtiere und Pflanzen verzehrt. Im Herbst und Winter macht die Eichel einen Anteil von bis zu 80 % der Nahrung des Hähers aus. Fast vergeblich sucht man Singvögel oder deren Eier im Nahrungsspektrum, ihr Anteil liegt unter 0,5 %.

"Die werden doch immer häufiger"

Eichelhäher fressen keine Singvögel, werden aber trotzdem zu Zehntausenden in Deutschland geschossen (© Marek Szczepanek/Wikimedia Commons)Eichelhäher fressen keine Singvögel, werden aber trotzdem zu Zehntausenden in Deutschland geschossen (© Marek Szczepanek/Wikimedia Commons)Eichelhäher ernähren sich fast nur vegetarisch - und werden dennoch "zum Schutz der Singvögel" bejagt Eine Zunahme von Elstern und Krähen wird allerorten von Kleingärtnern und Vogelfreunden verkündet, doch die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Der Bestand der Rabenkrähe z.B. ist in den vergangenen 100 Jahren vollkommen unverändert geblieben. Bei der Elster ist tatsächlich eine Zunahme seit dem 1. Weltkrieg zu verzeichnen, doch ist er weit weniger dramatisch, als es vielen erscheint. Der Grund hierfür ist die zunehmende Verstädterung seit den 1960er Jahren: Die Elster findet in den Ballungsräumen der Menschen beste Lebensbedingungen und rückt daher immer mehr in das Gesichtsfeld von Gärtnern und Vogelfreunden. Diese Zunahme in den Städten hat zum Glück keinerlei Auswirkung auf die Bestände gefährdeter Singvogelarten – die brüten in der Regel außerhalb der Siedlungen und bleiben so „verschont“.
Auch beim Eichelhäher scheint zwar seit den 1920er Jahren eine Zunahme - ausgelöst durch die Erwärmung des mitteleuropäischen Klimas - stattgefunden zu haben, doch eine dramatische Bestandszunahme ist auch ihm nicht vorzuwerfen. Einzelne Wissenschaftler sprechen sogar von vollkommen stabilen und unveränderlichen Beständen.

Unser Fazit: Mehr Toleranz

Elster, Krähe und Co. gehören gewiss nicht zu den besten Sängern unserer Vogelwelt, über ihr Aussehen kann man vielleicht verschiedener Ansicht sein und ihr gelegentlicher Appetit auf Singvogelnester mag sie nicht gerade sympathischer machen. Doch es sind hochintelligente Tiere, die weder eine immense Bestandszunahme erfahren haben, noch durch ihre Nahrungsgewohnheiten die Zahlen unserer liebgewonnenen Singvögel zu beeinflussen vermögen. Im Gegenteil: Mit ihrer Vorliebe für Insekten und Abfälle sind sie richtig nützlich – und ihre großen Nester dienen selteneren Vogelarten wie z.B. verschiedenen Eulen und Greifvögeln als Nistplätze.
Die Rabenvögel sind ein wichtiger Bestandteil unserer Tierwelt – und bei genauerer Betrachtung eher freundliche Gesellen als „Vogelmörder“. Es gibt genügend Gründe, ihnen etwas mehr Toleranz entgegen zu bringen.

Link und Literatur zum Thema

Unter rabenvoegel.de . gibt es sehr ausführliche Informationen über die Biologie der Rabenvögel und es wird kräftig mit den Vorurteilen gegen die unter Verruf geratenen Tiere aufgeräumt. Das Bundesamt für Naturschutz . hat eine sehr informative und lesenswerte Studie von Ulrich Mäck und Maria-Elisabeth Jürgens unter dem Titel „Aaskrähe, Elster und Eichelhäher in Deutschland“ veröffentlicht. Aus dieser Studie stammen fast alle auf dieser Seite genannten Daten und Fakten.