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Vogelmord im Nahen Osten: Dokumentation zur Wilderei im Libanon

Trophäenschau auf Facebook

Stolz präsentiert dieser libanesische Wilderer einen geschossenen WeißstorchStolz präsentiert dieser libanesische Wilderer einen geschossenen WeißstorchEin frisch geschossener, noch lebender Schlangenadler wird stolz als Trophäe präsentiert. Bewaffnete Männer posieren mit frisch getöteten Kranichen und Pelikanen. Ein anderer hält grinsend einen toten Schreiadler in die Kamera. Sein Jagdkollege hat für den Fotografen seine Tagesbeute - Hunderte geschossene Singvögel - fein säuberlich auf einem Bettlaken drapiert. Zwei Kinder - kaum 8 Jahre alt - untersuchen mit großen Augen zwei tote Wespenbussarde, die ihr Vater an diesem Tag von der Jagd mit nach Hause gebracht hat. Ein anderes Stillleben zeigt im Vordergrund neun frisch geschossene Weißstörche, dahinter lehnen lässig die Schützen, eine Zigarette in der einen und einen Storchenschnabel in der anderen Hand. Es sind solche Fotos, die den unglaublichen Schaden erahnen lassen, den die Wilderer im Libanon in der europäischen Vogelwelt anrichten. Und es gibt viele Hundert, vielleicht sogar Tausende solcher Trophäenbilder. Sie wurden von den Schützen meist selber aufgenommen, um damit bei Jägerkollegen zu prahlen. Ein Teil der Fotos wurde von den Fotografen sogar im Internet hochgeladen, damit auch Freunde und Bekannte am Jagdglück teilhaben können. Sie belegen bis ins Detail, dass in Europa hochgradig gefährdete Arten im Libanon massenweise getötet werden. Und sie sind besonders authentisch, eben weil sie von den Jägern selbst gemacht wurden. Wissenschaftler und Vogelschützer in Europa sind mittlerweile über den Umfang der Wilderei alarmiert. Denn der Zedernstaat liegt mitten auf einer der wichtigsten Flugrouten für europäische Zugvögel. Dabei handelt es sich um die so genannte "Östliche Zugschiene", die jedes Jahr im Frühling und Herbst von Millionen Singvögeln sowie hunderttausenden Störchen, Adlern und anderen Greifvögeln benutzt wird.

Mehr als 140 Arten von der Wilderei betroffen

Kind mit gewildertem KuckuckKind mit gewildertem KuckuckDas vom Komitee unterstützte LEM hat die Facebook-Seiten der Jäger monatelang beobachtet und akribisch mehr als 700 Foto-Beweise für Jagd auf europäische Zugvögel gesammelt. Das Ergebnis ist eine umfangreiche Bilddokumentation, die Vogel- und Tierschützern die Sprache verschlägt. Ganze zwei Monate benötigten Biologen des Komitees, um alle Vögel auf den Jägerbildern zu zählen und zu bestimmen. Insgesamt sind auf den Fotos mehr als 13.100 Vögel abgebildet, von denen 11.213 auf Artebene bestimmt werden konnten. Das Artenspektrum umfasst Singvögel wie Ortolane, Pirole und Gartenrotschwänze sowie zahlreiche Wasser- und Greifvögel wie zum Beispiel Schreiadler, Rotfussfalke und Schmutzgeier.

Verkauf von Jagdausrüstung boomt

Hunderte Vögel an einem Tag: Wilderer mit geschossenen Rauchschwalben und MauerseglernHunderte Vögel an einem Tag: Wilderer mit geschossenen Rauchschwalben und MauerseglernDer wichtigste Flugkorridor ist die im Osten des Landes gelegene Bekaa-Hochebene. Dabei handelt es sich um die nördliche Fortsetzung des Jordangrabens, dessen fruchtbare Felder und ausgedehnte Feuchtgebiete jedes Jahr von Millionen Zugvögeln überflogen und als Rastplatz genutzt werden. Eingebettet zwischen dem Libanongebirge und dem Antilibanongebirge ist die Ebene stellenweise nur wenige Kilometer breit. Und genau an diesen "Flaschenhälsen", an denen sich der Vogelzug extrem verdichtet, hat auch die Jagd auf Vögel eine lange Tradition. Neben dem Verkauf der geschossenen Vögel auf lokalen Märkten boomt hier auch der Handel mit Jagdwaffen und -ausrüstung. Allein in der Umgebung der Stadt Chtaura haben sich hunderte Jagdausrüster angesiedelt. Wer genau zählt, findet im Zentrum der Stadt mehr als 20 Läden für Jagdbedarf in einem Umkreis von weniger als 50 Meter. Die zweite wichtige Flugroute ist die Küstenregion, wo vor allem Wasservögel und im Herbst große Mengen von Greifvögeln durchziehen. Auch hier ist die illegale Jagd ein großes Problem. Neben den "Hobbyjägern", die meist aus der Hauptstadt Beirut anreisen, gibt es in dieser Region zunehmend auch hauptberufliche Wilderer, die zusammen mit ihren Familien vom Verkauf geschossener Singvögel an Restaurants und Privatpersonen leben. Ausgerüstet mit elektronischen Lockgeräten, Netzen und Schrotflinten sind diese "Profis" in der Lage, mehrere Hundert Vögel an einem Tag zu erbeuten.

Hilfe aus Europa

Bergeweise Singvögel: Dieser libanesische Wilderer lässt sich in Facebook mit Finken, Ammern und anderen geschützten Arten zeigenBergeweise Singvögel: Dieser libanesische Wilderer lässt sich in Facebook mit Finken, Ammern und anderen geschützten Arten zeigenDamit dieser Zustand der Anarchie beendet werden kann, sind nach Ansicht des Komitees und des LEM vor allem die Umsetzung des seit Jahren auf Eis liegenden Entwurfes für ein neues Jagdgesetz, umfangreiche Schulungsmaßnahmen für Jäger sowie die Gründung einer Jagdaufsicht erforderlich. Um die verantwortlichen Politiker in Beirut zum Handeln zu bewegen, bauen die Naturschützer vor allem auf Unterstützung aus dem Ausland. "Die Vögel, deren Reise hier im Libanon endet, stehen in ihren Brutgebieten auf den Roten Listen und werden dort mit großem Aufwand geschützt", so Bernard Abi Nader, Vogelschutzexperte aus Beirut. Insbesondere die Staaten der EU sollten klar Stellung gegen die Massaker beziehen und die libanesische Regierung unter Druck setzen, mehr für den Vogelschutz zu tun. "Die EU-Vogelschutzrichtlinie verpflichtet die EU Staaten, den Erhaltungszustand gefährdeter Vogelarten zu verbessern. Entsprechende Maßnahmen müssen den gesamten Jahreslebensraum dieser Arten - auch den Libanon - umfassen", fordert Komiteevorsitzender Heinz Schwarze. "Denkbar sind zum Beispiel der Aufbau einer Jagdaufsicht aus EU-Mitteln oder Hilfe bei der Aufklärung der Bevölkerung".
Um den verantwortlichen Politikern in Europa die Dimension dieses internationalen Vogelschutzproblems vor Augen zu führen, arbeiten das Komitee und das LEM an einem gemeinsamen Bericht für die Europäische Kommission und die Umweltminister aller EU-Staaten. "Wir wollen alle vorhandenen Kanäle nutzen, um die Regierung in Beirut endlich zum Handeln zu bewegen und die Situation für unsere Vögel im Libanon zu verbessern", so Heinz Schwarze.

Bericht zum Download

Den vom Komitee gegen den Vogelmord und dem LEM erstellten Bericht zur Wilderei im Libanon können Sie hier herunterladen (in englischer Sprache):

AnhangGröße
CABS & LEM Lebanon bird hunting report 2013.pdf2.14 MB