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Der "Fall Sigmar"

Ein in Deutschland von Hand aufgezogener Schreiadler endet im Kugelhagel maltesischer Jäger

Mit Steuergeldern in Brandenburg aufgepäppelt - auf Malta von Jägern abgeschossen: Schreiadler "Sigmar"Mit Steuergeldern in Brandenburg aufgepäppelt - auf Malta von Jägern abgeschossen: Schreiadler "Sigmar"Ein nicht unerheblicher Teil der maltesischen Jägerschaft schießt leidenschaftlich gerne Greifvögel. Insbesondere die "High End"-Arten - Seltenheiten wie Schwarzstörche oder Adler - stehen ganz oben auf der Wunschliste der Wilderer. Manche Jäger gehen Tag für Tag auf die Pirsch, nur um nach vielen Jahren einen der begehrten Großvögel vor die Flinte zu bekommen. Welche dramatischen Auswirkungen diese rücksichtlose Jagdleidenschaft hat, zeigt exemplarisch der Fall des abgeschossenen Schreiadlers "Sigmar" aus dem Jahr 2007.

Am 23.09.2007 wurde der Polizei ein in Birzebugga im Süden Maltas gefundener Schreiadler eingeliefert und an die Auffangstation unseres Partnerverbandes IAR weitergegeben. Der Vogel hatte Schussverletzungen, lebte aber noch und zeichnete sich durch eine Besonderheit aus: Er trug einen Ring der deutschen Vogelwarte Hiddensee.

Binnen weniger Stunden hatte das Komitee gegen den Vogelmord den Lebenslauf des Vogels auf dem Tisch: Als schwächstes von zwei Jungvögeln wurde "Sigmar" von Mitarbeitern des Landesumweltamtes Brandenburg am 2.7.2007 aus dem Nest geholt. Schreiadler neigen zu "Kainismus" - der stärkere Jungvogel wirft den schwächeren aus dem Nest. Der Schreiadler ist in Deutschland vom Aussterben bedroht, mit weniger als 100 verbliebenen Paaren gehört er zu den seltensten mitteleuropäischen Vogelarten. Unter diesen Umständen ist jedes Jungtier wertvoll, so dass in Brandenburg die "Nesthäkchen" gerettet, um dann in der staatlichen Vogelwarte von Hand aufgepäppelt zu werden.

Adlerküken "Sigmar" war am 17.7.2007 kräftig genug, um sich gegen sein Geschwister durchzusetzen. Er wurde beringt und zurück ins elterliche Nest gesetzt. Im August flog er aus und begab sich langsam auf seinen Weg Richtung Afrika, wo er nie ankam.

Großes Medieninteresse bei "Sigmars" RückkehrGroßes Medieninteresse bei "Sigmars" RückkehrMit unbürokratischer Hilfe der Umweltbehörde Maltas und des deutschen Bundesamtes für Naturschutz (BfN) wurde der schwer verletzte Adler vom Komitee nach Hause geholt. Am 29.9.2007 flog Air Malta den Vogel kostenlos nach Frankfurt, wo er noch in der Nacht von Komiteemitarbeitern in Empfang genommen und umgehend nach Berlin gefahren wurde. Am frühen Morgen des 30.9. wurde "Sigmar" unter reger Teilnahme der Medien (u.A. berichtete das Nachtmagazin der ARD) in der Tierklinik der freien Universität Berlin eingeliefert. Am gleichen Tag wurde der Vogel operiert, 6 Schrotkugeln konnten entfernt werden. Trotz anfänglich gutem Verheilens entzündeten sich die Wundern immer wieder. Am 7.12.2007 musste Sigmar eingeschläfert werden - es bestand keine Chance mehr auf Genesung und Auswilderung.

Der Leiter des Schreiadlerprojektes in Brandenburg, Paul Soemmer, kommentierte den Fall mit großer Wut: "All´ unsere Anstrengungen zum Schutz des Schreiadlers werden scheitern, wenn es uns nicht gelingt, sie Zugstrecken der Vögel besser zu schützen. Wir haben weit mehr als Zeit und Geld investiert - wir hängen an diesen Vögeln fast wie an unseren eigenen Kindern".

Der "Fall Sigmar" ist nur die Spitze des Eisberges. Große und seltene Vogelarten haben nahezu keine Chance, einen Flug über Malta zu überleben. Die Jäger sind erstaunlich gut organisiert: Sobald begehrte Arten den Inselarchipel erreichen, werden Tausende Jäger per Funk oder Telefon- und SMS-Hotlines zu den Waffen gerufen. Ganze Autokolonnen bewegen sich dann zu den Durchzugs- und Schlafplätzen, wo unzählige Jäger versuchen, in Schussentfernung zu den Raritäten zu gelangen. Inzwischen begleitet die Umweltpolizei A.L.E. die durchziehenden Vögel mit Blaulicht über die Insel und bewacht - oft gemeinsam mit Komiteemitgliedern während unserer Vogelschutzamps - deren Schlafplätze auch in der Nacht. Und dennoch gelingt es den Jägern immer wieder, die eigentlich gut bewachten Vögel zu töten. In jedem Jahr dokumentierten Vogelschützern Abschüsse durchziehender Schreiadler und Schwarzstörche - die Opfer werden fast nie gefunden ...