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Vogelschutzcamp auf Malta, April/Mai 2008

Einsatzbericht

1. Einleitung, Hintergrund und Methode

Seit dem Jahr 2002 führt das Komitee gegen den Vogelmord gemeinsam mit verschiedenen maltesischen NGOs und in enger Zusammenarbeit mit der Maltesischen Umweltpolizei (A.L.E.) sog. Vogelschutzcamps auf Malta durch. Ziel dieser Aktionen ist es, die auf Malta weit verbreitete Hobbyjagd auf europäische Zugvogelarten zu dokumentieren, wichtige Rastplätze zu überwachen und illegale Abschüsse an die Polizei zu melden. Insgesamt 7 Teilnehmer aus Deutschland und Großbritannien sind deshalb mit finanzieller Unterstützung des Komitees und der Stadler-Naturschutzstiftung vom 26. April bis zum 4.Mai 2008 nach Malta gereist.

Aufgeteilt in 2er-Gruppen, bestand die Aufgabe der Vogelschützer darin, in einem bestimmten Einsatzgebiet den Vogelzug ganztägig zu überwachen und illegale Abschüsse sowie Fanganlagen direkt an die Polizei zu melden.
Dabei stand die Verhinderung von Abschüssen durch die sichtbare Präsenz der „Bird-Guards“ im Vordergrund. Darüber hinaus sollten Beweise für Verstöße gegen Schutzbestimmungen gesammelt und an die maltesische Polizei weitergeleitet werden. Planung und Durchführung des Einsatzes erfolgten in enger Kooperation mit der maltesischen International Animal Rescue (IAR) sowie mit Unterstützung von Nature Trust Malta und Birdlife Malta. Haupteinsatzgebiete waren aus den Vorjahren bekannte Schwerpunkte illegaler Jagd im Südwesten Maltas (Dingli Cliffs, Laferla Cross, Zurrieq, Siggiewi, Delimara-Halbinsel, Bahrija, Madliena, Victoria-Lines, Manikata, Marfa-Ridge, Mellieha-Ridge).

Parallel zu den Vorbereitungen für diesen Einsatz entschieden die Richter des Europäischen Gerichtshofes (EU-GH) in Luxemburg nach Klagen verschiedener Verbände, dass die Frühlingsjagd auf Malta gegen die Europäische Vogelschutzrichtlinie verstößt und deshalb von der Regierung in Valetta verboten werden muss. Einen Tag vor der Beginn des Camps wurde bekannt, dass das maltesische Umweltministerium das Urteil des EU-GH zwar noch einmal überprüfen lassen will, aber in diesem Frühling vorsichtshalber ein komplettes Jagdverbot erlassen hat. Zum ersten Mal seit den Zeiten der Kreuzritter durfte auf Malta im Frühling kein einziger Vogel mehr gefangen oder abgeschossen werden. Personen, die im April oder Mai mit Gewehren in der Landschaft erwischt werden, drohen seitdem hohe Geldstrafen und jedes aufgestellte Netz kann von der Polizei beschlagnahmt werden – immer vorrausgesetzt, man wird auch tatsächlich erwischt.

Um auf die neue Gesetzeslage zu reagieren wurde der Aufgabenbereich der Teams kurzfristig erweitert. Da nun jeder einzelne Schuss ein Hinweis auf illegale Jagd war, wurde jede Salve genau registriert und falls möglich die Schützen mit der Waffe in der Hand fotografiert. Darüber hinaus sollten dem Komitee aus den Vorjahren bekannte Netzfangplätze überprüft und bei Verdacht auf Vogelfangaktivität sofort die Polizei eingeschaltet werden.

2. Ergebnisse

Insgesamt wurden von drei Teams an insgesamt 9 Einsatztagen rund 1350 Schüsse registriert und in zahlreichen Fällen Personen mit Waffen im Gelände beobachtet. Weiterhin wurden Abschüsse geschützter Arten vier mal direkt beobachtet und in vier Fällen illegale Vogelfanganlagen entdeckt und anschließend von der Umweltpolizei A.L.E. abgebaut. Dabei wurden insgesamt 16 einzelne Schlagnetze, 28 lebende Lockvögel und 21 Käfige beschlagnahmt. Gegen die Besitzer der Fanganlagen wurden Strafverfahren eingeleitet. Die beschlagnahmten Lockvögel wurden alle freigelassen.

In der folgenden Aufzählung werden die einzelnen von unseren Beobachtern registrierten Zwischenfälle chronologisch und in Tagebuchform dargestellt:

  • 26.April, 20:00 Uhr: Ankunft der Teilnehmer am frühen Abend. Erste Einsatzbesprechung und Information der Teilnehmer über das Verbot der Frühlingsjagd und die damit verbundene neue Gesetzeslage.
  • 27.April, 09:30 Uhr: Westlich der Ortschaft Bahrija fallen am frühen Morgen mehrere Schüsse. Komiteemitarbeitern gelingt es, eine Person mit Waffe zu fotografieren. Der Täter kann jedoch vor Eintreffen der Polizei fliehen.
  • 28.April, 10:00 Uhr: Treffen und Einsatzbesprechung im Polizei-Hauptquartier in Valetta. Mit dem stellvertretendem Police-Commissioner und dem Chef der A.L.E. werden letzte Details abgesprochen und Informationen über die Einsatzgebiete und Vorgehensweise der Beobachter ausgetauscht.
  • 28.April, 17:00 Uhr: Im Bereich der Delimara-Halbinsel werden eine tote Turteltaube und ein Buchfink mit Schussverletzungen gefunden.
  • 28.April, 18:30 Uhr: Unweit von Bahrija beobachtet ein Teams zahlreiche ziehende Turteltauben. Kurz darauf fallen mehrere Schüsse, ohne dass die Schützen identifiziert werden können.
  • 29.April, 05:45 Uhr: Am Rande der Ortschaft Gharghur wird eine elektronische Lockanlage für Wachtelrufe imitiert, entdeckt.
  • 29.April, 08:30 Uhr: Südlich der Dwejra-Lines gelingt es einem Team, einen Jäger mit Waffe zu fotografieren. Das Foto wird umgehend an die Polizei weitergeleitet, die eine Kontrolle des Geländes durchführt.
  • 29.April, 14:45Uhr: Nördlich von Bahrija wird ein aktiver Fangplatz für Vögel mit zwei jeweils 20 Meter langen Klappnetzen und einer sog. Lockvogel-Wippe entdeckt. Die vom Komitee alarmierte A.L.E. schickt zwei Beamte, die die Fanggeräte beschlagnahmen.
  • 29.April, 18:15 Uhr: Im Bereich des sog. „Laferla Cross“ bei Girgenti entdecken Komiteemitarbeiter einen verletzten Kuckuck, der offenbar angeschossen wurde. Eine Bergung des Tieres scheitert, weil zwei Jäger die Vogelschützer daran hindern, ihr „Privatland“ zu betreten.
  • 30.April, 08:00Uhr: Oberhalb der Dingli-Cliffs beobachtet ein Team einen Fänger beim Fang von Turteltauben und Wachteln mit Netzen und lebenden Lockvögeln. Nach Benachrichtigung der A.L.E. führen Polizisten umfangreiche Kontrollen in dem Gebiet durch.
  • 1.Mai, 06:45 Uhr: Westlich der Stadt Zurrieq wird ein Vogelfänger dabei beobachtet, wie er seine Netze aktiviert und mehrere Käfige mit lebenden Lockvögeln aufstellt. Gemeinsam mit Polizeibeamten schleichen sich Komitee-Aktivisten an den Fangplatz heran, wo der Vogelfänger verhaftet und 18 lebende Lockvögel - darunter 4 Ortolane, 3 Rotkehlpieper und 11 Kurzzehenlerchen – sowie 4 große Netze beschlagnahmt werden. Alle Vögel sind in guter Verfassung und werden noch am selben Tag in einem Naturreservat freigelassen (weitere Infos zu diesem Aufgriff finden Sie hier).
  • 1.Mai, 07:45 Uhr: Westlich der Ortschaft Bahrija werden durchziehende Turteltauben beschossen, in einem kleinen Tal am Ortsrand singt ein elektronischer Lockvogel (Wachtel).
  • 2.Mai, 04:30 - 05:10 Uhr: Nördlich des „Red Tower“ auf dem Marfa Ridge sind zwei illegale elektronische Lockanlagen (Turteltaube und Wachtel) aktiv. Oberhalb der Dingli Cliffs (zwischen der Radaranlage und dem Bobbyland-Restaurant) singen zwei elektronische Wachteln
  • 2.Mai, 11:10 Uhr: Bei Madliena wird ein riesiger Fangplatz für Wachteln entdeckt, an dem ein Fänger 5, jeweils 30 Meter lange Klappnetzanlagen aufgestellt und darum herum 10 lebende Wachteln als Lockvögel postiert hat. In einem Blitzeinsatz stellt die vom Komitee informierte Polizei Netze, Lockvögel und ein Fernglas sicher. Der Fänger flieht, kann jedoch später identifiziert werden. Ihm drohen eine Geldstrafe sowie der Verlust der Jagderlaubnis. Die Wachteln werden von Komiteepersonal in die Pflegestation der IAR gebracht und später freigelassen.
  • 2.Mai, 11:30 Uhr: Östlich von Bahrija wird eine Person bei der Jagd auf Turteltauben beobachtet und mit Waffe in der Hand fotografiert. Beamte der Polizei Rabat werden informiert und patrouillieren daraufhin mehrere Stunden in dem Gebiet.
  • 2.Mai, 12:30Uhr: Während die Polizei in etwa 2 Kilometer Entfernung Kontrollen durchführt, wird direkt am Ortsrand von Bahrija auf eine durchziehende Rohrweihe geschossen. Das Tier landet daraufhin in einem Haferfeld, kann jedoch trotz intensiver Nachsuche nicht gefunden werden.
  • 3.Mai, 19:15 Uhr: Kurz hinter der Radaranlage bei Dingli beobachtet das für das Gebiet zuständige Team den Beschuss eines durchziehenden Baumfalken. Das Tier wird getroffen, stürzt jedoch nicht ab und verschwindet hinter der nächsten Verwerfung.
  • 4.Mai, 18:15 Uhr: Im Norden der Insel wird eine verletzte Zwergdommel gefunden und in die Auffangstation der IAR bei Hamrun gebracht.

3. Bewertung und Ausblick

Dank des EU-GH-Urteils und des damit verbundenen Jagdverbotes sind im Frühling 2008 auf Malta wahrscheinlich so wenig Zugvögel getötet worden, wie seit Erfindung der Schrotflinte nicht mehr. Im Vergleich zu unseren Frühjahrseinsätzen in den Jahren 2005 und 2006 ist ein deutlicher Rückgang der pro Tag abgegebenen Schüsse festgestellt werden.

Ebenso ist die Anzahl der von uns entdeckten illegalen Lockanlagen, mit denen die Jäger nachts Wachteln und Turteltauben anlocken, von etwa 120 (festgestellt im Frühling 2006) auf rund ein halbes Dutzend aktiver Geräte gesunken.
Während die Jagd in direkter Nähe zu Ortschaften und in gut einsehbaren Küstenabschnitten fast völlig zum Erliegen kam, wurden während des Einsatzzeitraumes in dünn besiedelten, unzugänglichen oder von außen schlecht einsehbaren Bereichen der Insel (z.B. Dingli Cliffs, Küste nördlich von Bahrija, Delimara Halbinsel, Umgebung von Zurrieq) jedoch weiterhin zahlreiche Zugvögel abgeschossen. Mit Tonbandgeräten wurden dort nachts Wachteln und Turteltauben angelockt, die am nächsten Morgen von bis zu einem Dutzend Jägern mit Hunden aufgestöbert und abgeschossen wurden. Um den Videokameras des Komitees und Kontrollen der Polizei zu umgehen, wurden dort von den Jägern extra Wachposten eingeteilt, die sämtliche Zugangswege zum Gebiet mit Ferngläsern im Auge behielten. Täglich konnte dort beobachtet werden, wie die Wilderer beim Eintreffen unserer Teams per Funkgerät oder Mobiltelefon gewarnt wurden und anschließend im Gebüsch verschwanden. Dieser hohe Grad an Organisation ist ein zusätzlicher Beleg für die kriminelle Energie, mit denen einige Jäger auf Malta ihr Hobby betreiben.

Wie bereits im letzten Jahr, wird das Komitee im September 2008 erneut ein internationales Vogelschutzcamp auf Malta veranstalten, für das sich bis Ende April bereits 28 erfahrene Ornithologen und Aktivisten aus Deutschland, Italien, Großbritannien, Rumänien, Ungarn und den Niederlanden angemeldet haben. Ziele dieses Einsatzes sind die Dokumentation illegaler Abschüsse und das Aufspüren von Singvogel-Fängern während der offiziellen Jagdsaison. Weitere Arbeitsschwerpunkte sind die Überwachung der Rast- und Schlafplätze von Bienenfressern, Pirolen Wespenbussarden, Weihen und Falken sowie die Erfassung illegaler elektronischer Lockgeräte.