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Vogelschutzcamp Brescia/Italien 03.10. – 02.11.2014

Abschlussbericht


1. Einleitung

Freilassung eines angeschossen aufgefundenen und gesund gepflegten KernbeißersFreilassung eines angeschossen aufgefundenen und gesund gepflegten KernbeißersDie oberitalienische Provinz Brescia (Lombardei) gehört zu den Brennpunkten der Wilderei in Europa. Das Komitee gegen den Vogelmord e.V. ist hier seit 1984 aktiv. In diesem Jahr hat unser 30. Vogelschutzcamp in den Bergen Brescias vom 03.10. bis 02.11. stattgefunden.

Die 61 Teilnehmer aus Deutschland, Italien, Großbritannien, der Schweiz und Slowenien haben 735 Bogenfallen, 398 Schlagfallen, 59 Fangnetze und 23 Leimruten gefunden und abgebaut. Die Zahl der Bogenfallen ist auf einem neuen Tiefstand angelangt, auch die der Netze und Schlagfallen ist deutlich niedriger als in den Vorjahren. Mit 41 aufgrund unserer Hinweise überführten Wilderern liegen wir zwar im Durchschnitt der letzten Jahre, in Hinblick auf die insgesamt sehr niedrige Zahl gefundener Fangstellen und Fanggeräte ist dieses Ergebnis aber bemerkenswert.

2. Methodik

Komitee-Mitarbeiter mit eingesammelten BogenfallenKomitee-Mitarbeiter mit eingesammelten BogenfallenDas Ziel unseres Einsatzes in Brescia ist, Wilderer zu überführen. Dafür suchen die Teilnehmer des Camps Fallen und Netze und führen Beamte der Staatlichen Forstpolizei oder der Provinzpolizei zu den aufgefundenen Netzen oder Fallen. Die Polizisten verstecken sich an den Fangstellen und lauern den Vogelfängern auf. Während des Vogelschutzcamps waren täglich zwischen drei und sechs Komitee-Teams (bestehend in der Regel aus zwei bis drei Teilnehmern) im Einsatz.

Die Staatliche Forstpolizei war vom 8. bis 24.10. mit einer Sondereinheit zur Wildereibekämpfung („NOA“) vor Ort. In diesem Zeitraum wurden rund 90 % aller gefundenen Fallen und Netze für Einsätze der Polizei unangetastet gelassen. Die Beamten wurden vielfach noch am gleichen Tag, spätestens aber an den beiden Folgetagen zu den Fangstellen geführt. Fallen und Netze an Fangstellen, an denen uns ein Einsatz der Polizei nicht möglich schien bzw. die wir nach dem Ende des Polizeieinsatzes gefunden haben, wurden in Absprache mit den Behörden von uns eingesammelt.

Eine Besonderheit des 30. Vogelschutzcamp in Brescia war ein Team, das eine Unterkunft am Gardasee hatte und ausschließlich dort eingesetzt war. So konnten die langen Anfahrtswege von Iseo – unserem Hauptquartier – vermieden werden.

3. Ergebnisse

In dem fast 1.700 Quadratkilometer großen Gebiet zwischen Iseosee und Gardasee wurden mit lediglich 72 aktiven Fangstellen so wenige gefunden, wie nie zuvor. An 54 Stellen haben nach unseren Hinweisen Ansitze der Polizei stattgefunden.

3.1 Bogenfallen („archetti“)

BogenfalleBogenfalleBogenfallen waren bis Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Europa verbreitet. Heute ist diese brutale Fangmethode nur noch in der Provinz Brescia zu finden, obwohl sie auch hier schon seit 1842 [sic] verboten ist. Die Wilderei mit archetti geht aber auch in Brescia durch unsere Einsätze deutlich zurück: Während wir im „Rekordjahr“ 2001 noch über 12.000 dieser Fallen abgebaut haben, konnten wir 2014 nur noch 735 Stück finden. Damit haben wir erneut einen historischen Tiefstand erreicht. 252 dieser Bogenfallen waren nicht aufgestellt, sondern wurden bei Hausdurchsuchungen gefunden.

3.2 Schlagfallen

Rotkehlchen in SchlagfalleRotkehlchen in SchlagfalleSchlagfallen wurden erstmals im Jahr 1989 in Brescia gefunden. In den letzten Jahren haben wir in jedem Herbst zwischen 500 und 900 dieser Fallen ausgemacht – mit 398 Stück liegen wir 2014 also deutlich unter dem Durchschnitt. Auch wenn die Zahl der gefundenen Schlagfallen deutlich gesunken ist, ist die Zahl der Fangstellen, an denen sie eingesetzt waren, im Jahr 2014 gestiegen. Immer mehr Vogelfänger steigen von den traditionellen Bogenfallen auf Schlagfallen um, stellen gleichzeitig aber immer weniger Fallen pro Fangstelle auf.

3.3 Weitere Fallen

Während des Vogelschutzcamps 2014 wurden 23 Leimruten gefunden – so viele, wie schon sehr lange nicht mehr. Es dürfte sich hierbei allerdings nicht um eine Zunahme dieser fast ausgestorbenen Fangmethode handeln, sondern um eine zufällige Häufung. Daneben wur-den 12 Drahtschlingen zum Fang von Füchsen und Wildschweinen gefunden und abgebaut.

3.4 Netze

Buchfink in FangnetzBuchfink in FangnetzNetze werden vor allem von lizenzierten Jägern aufgestellt, um an die begehrten Lockvögel zu gelangen. Seit fünf Jahren beobachten wir bereits einen Rückgang der Verwendung von Netzen, nachdem sie zuvor massiv zugenommen hatte. So haben wir zwischen 1990 und 2004 im Jahr nur rund 50 bis 80 Netze gefunden, 2009 waren es (in einem „Rekordjahr“) allerdings 167. Dieses Jahr liegen wir mit 59 Netzen so niedrig wie seit 15 Jahren nicht mehr.

An den Netzen wurden insgesamt rund 30 illegal gehaltene Lockvögel gefunden und sichergestellt, darunter Singdrosseln, Amseln, Buch- und Bergfinken, Wiesenpieper, Kernbeißer und einige Tannenmeisen.

Vom Komitee gegen den Vogelmord in Brescia gefundene Fallen und Netze und aufgrund unserer Hinweise überführte Wilderer in den letzten 10 Jahren (2005 - 2014):

Jahr Bogenfallen Schlagfallen Netze überführte
Wilderer
2003 7.378 245 83 18
2004 4.418 296 78 25
2005 3.753 258 174 18
2006 1.436 284 156 17
2007 1.231 338 133 36
2008 1.908 949 106 57
2009 2.159 340 167 42
2010 1.228 902 115 53
2011 1.056 588 94 37
2012 963 690 85 43
2013 1.161 520 76 38
2014 735 398 59 41


3.5 Überführte Wilderer

Forstpolizist liegt an einer Fangstelle auf der Lauer (© Filippo Bamberghi)Forstpolizist liegt an einer Fangstelle auf der Lauer (© Filippo Bamberghi)Das Ergebnis von 41 aufgrund unserer Hinweise überführten Wilderern ist besonders bemerkenswert, weil die Zahl der aktiven Fangstellen und gefundenen Fallen und Netze im Jahr 2014 auf einem historischen Tiefstand liegt. Erwähnenswert ist weiterhin, dass ist die Anzahl „unserer Wilderer“ an der Gesamtzahl der von der Polizei überführten Personen dieses Jahr mit 57 % (41 von 72 Vogelfängern) so hoch ist, wie noch nie. Die Aufklärungs-quote der Polizei liegt mit 76 % überdurchschnittlich hoch (41 überführte Wilderer bei 54 gezeigten Fangstellen).

Bei den 41 Vogelfängern wurden 591 Bogenfallen (davon 252 bei Hausdurchsuchungen), 289 Schlagfallen, 23 Leimruten, 48 Netze, 8 illegale Jagdflinten, eine Pistole und 950 Schuss Schrotmunition sichergestellt. Alle überführten Wilderer waren Männer.

4. Jagdfreigaben

In den Jahren 1994 bis 2012 haben die Regionen Lombardei (in der Brescia liegt) und Venetien jährlich entgegen den Vorgaben der EU-Vogelschutzrichtlinie Buch- und Bergfinken zum Abschuss freigegeben, zum Teil auch Kernbeißer, Wiesen- und Baumpieper. Bis zu 2 Millionen Tiere eigentlich europaweit geschützter Arten wurden so jedes Jahr mit behördlicher Genehmigung getötet. Das Komitee hat in jedem Jahr mehrere Klagen vor den Verwaltungsgerichten eingereicht und in nahezu jedem Fall gewonnen. Letztlich ist es uns über eine Umweltbeschwerde bei der EU gelungen, das italienische Jagdgesetz zu ändern. Seit 2012 sind Ausnahmeregelungen in Italien deswegen kaum mehr möglich. Tatsächlich halten sich die Regionen an die neue Gesetzesgrundlage und haben in 2013 und 2014 keine Genehmigungen zur Finkenjagd erteilt!

5. Restaurants

Gerupfte SingvögelGerupfte SingvögelSingvögel am Spieß mit Maisbrei – „polenta üsei “ – ist eine Spezialität in Brescia. Weil die Verwendung in Italien gefangener oder geschossener Vögel verboten ist, wurden seit Jahren entgegen EU-Recht Weidensperlinge aus Tunesien eingeführt. Das Komitee gegen den Vogelmord hat 2011 die EU eingeschaltet. Tatsächlich wurde aufgrund unserer Initiative das entsprechende italienische Gesetz geändert – seit August 2014 sind Einfuhr und Verkauf der „Tunesien-Sperlinge“ nach Italien verboten.

Dennoch haben viele Restaurants auch in diesem Herbst wieder polenta üsei angeboten. Komitee-Mitarbeiter haben während des Vogelschutzcamps Adressen von 50 Gaststätten gesammelt und der Polizei übergeben – Anfang Dezember 2014 sollte eine Razzia statt-finden. Leider haben die Medien einen Hinweis auf die Polizeiaktion bekommen und vorab darüber berichtet. Die geplante Razzia ist dadurch ins Wasser gefallen, aber das Ziel letztlich erreicht: Bei den Restaurants herrscht Panik und die Behörden sind wachgerüttelt.

6. Danksagung

Unser Dank gilt den Beamten der Sondereinheit zur Wildereibekämpfung der Staatlichen Forstpolizei (NOA), der Provinzpolizei Brescia, dem Wildtierzentrum des Centro Soccorso Animali in Modena, der Lega Abolizione Caccia (LAC), den Jagdaufsehern des WWF, unseren Förderern und dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) in Bayern für die finanzielle Unterstützung und natürlich ganz besonders allen Teilnehmern.

Alexander Heyd, 27.11.2014