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Vogelschutzcamp Brescia/Italien 04.10. – 03.11.2013

Abschlussbericht


1. Einleitung

Fangnetz unweit der Provinzhauptstadt BresciaFangnetz unweit der Provinzhauptstadt BresciaDie oberitalienische Provinz Brescia (Lombardei) gehört zu den Brennpunkten der Wilderei in Europa. An keiner anderen Stelle in der EU gehen so viele Jäger und Wilderer auf die Vogelpirsch. Das Komitee gegen den Vogelmord e.V. ist hier seit 1984 aktiv. In diesem Jahr hat unser internationales Vogelschutzcamp in den Bergen Brescias vom 04.10. bis 03.11.2013 stattgefunden. An den Wochenenden vor und nach dem Camp hat es zudem kleinere Einsätze unserer italienischen Partner gegeben.

Die 63 Teilnehmer aus Deutschland, Italien, Großbritannien, der Schweiz und Ungarn haben 1.161 Bogenfallen, 520 Schlagfallen und 76 Netze gefunden und abgebaut. Die Zahl der Bogenfallen ist damit im Vergleich zu den vergangenen zwei Jahren wieder etwas gestiegen, bei den Netzen und Schlagfallen haben wir in 2013 deutlich weniger als in den Vorjahren gefunden. Mit 38 aufgrund unserer Hinweise überführten Wilderern liegen wir etwas unter dem Durchschnitt der letzten Jahre.

2. Methodik

Komitee-Mitglieder mit eingesammelten FanggerätenKomitee-Mitglieder mit eingesammelten FanggerätenDas Ziel unseres Einsatzes in Brescia ist es, Wilderer zu überführen. Dafür suchen die Teilnehmer des Camps Fallen und Netze und führen Beamte der Staatlichen Forstpolizei oder der Provinzpolizei zu den aufgefundenen Netzen oder Fallen. Die Polizisten verstecken sich an den Fangstellen und lauern den Vogelfängern auf. Während des Vogelschutzcamps waren täglich zwischen drei und sechs Teams (bestehend aus in der Regel zwei bis drei Teilnehmern) im Einsatz.

Die Staatliche Forstpolizei war vom 1. bis 27.10. in Brescia mit einer Sondereinheit zur Wildereibekämpfung (Nucleo Operativo Antibracconaggio - „NOA“) im Einsatz. In diesem Zeitraum haben wir mehr als zwei Drittel der von uns gefundenen Fangstellen für einen Polizeieinsatz unangetastet gelassen. Die Beamten wurden spätestens am Folgetag zu den Fallen und Netzen geführt.

Fallen und Netze an Fangstellen, an denen uns ein Einsatz der Polizei nicht möglich schien (z.B. weil wir vom Wilderer beobachtet wurden), wurden in Absprache mit den Behörden von uns eingesammelt. Nach dem Ende des Einsatzes der Polizei-Sondereinheit (also ab dem 28.10.) wurden sämtliche Fanggeräte von uns abgebaut.

3. Ergebnisse

In dem fast 1.700 Quadratkilometer großen Gebiet zwischen Iseosee und Gardasee wurden insgesamt mehr als 300 potentielle oder aus den Vorjahren bekannte Fangplätze kontrolliert. Dabei haben die Teilnehmer mit lediglich 76 aktiven Fangstellen so wenige gefunden wie nie zuvor. An 47 Stellen haben nach unseren Hinweisen Ansitze der Polizei stattgefunden, an den restlichen 29 Plätzen haben wir die dort gefundenen Geräte abgebaut.

3.1 Bogenfallen („archetti“)

Verendetes Rotkehlchen in einer BogenfalleVerendetes Rotkehlchen in einer BogenfalleBogenfallen, mit denen vorwiegend Rotkehlchen gefangen werden, waren bis Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Europa verbreitet. Heute ist diese brutale Fangmethode nur noch in der Provinz Brescia zu finden, obwohl sie auch hier schon seit 1842 verboten ist. Die Wilderei mit archetti geht aber auch in Brescia durch unsere Einsätze immer mehr zurück: Während wir im „Rekordjahr“ 2001 noch über 12.000 dieser Fallen abgebaut haben, konnten wir 2013 nur noch 1.161 Stück finden (siehe unsere Fallenstatistik).

Im Vergleich zu den beiden Vorjahren haben wir 2013 allerdings wieder etwas mehr archetti gefunden: 2011 waren es 1.056, 2012 sogar nur 963. Dieser Anstieg hängt nicht mit einer tatsächlichen Zunahme der Wilderei zusammen, sondern liegt an einem besonders großen Aufgriff am 19.10.2013, bei dem im Val Sabbia 305 Bogenfallen sichergestellt wurden. 230 davon wurden von der Polizei bei einer Hausdurchsuchung gefunden. Ohne diesen außergewöhnlich großen Fund hätten wir mit rund 850 Fallen einen historischen Tiefstand zu verzeichnen gehabt.

Während die Bogenfalle in den 1980er und 1990er Jahren die am meisten verbreitete Vogelfalle war, tritt sie heute immer mehr in den Hintergrund. An nur 22 von den insgesamt 76 aktiven Fangstellen konnten archetti gefunden werden. Viele Wilderer sind scheinbar auf die modernen Schlagfallen umgestiegen, weil diese weitaus besser versteckt werden können. Nur zwei Wilderer hatten sowohl Schlag- als auch Bogenfallen aufgestellt.

3.2 Schlagfallen

eingesammelte Schlagfalleneingesammelte SchlagfallenMit Schlagfallen werden vor allem Rotkehlchen, im Frühherbst allerdings auch Haus- und Gartenrotschwänze, Trauerschnäpper und Meisen gefangen. Dieser Fallentyp wurde erstmals im Jahr 1989 in Brescia gefunden. In den letzten Jahren haben wir zwischen 500 und 900 dieser Fallen gefunden – mit 520 Stück liegen wir im Jahr 2013 also im unteren Mittelfeld.

Auch wenn die Zahl der gefundenen Schlagfallen stagniert bzw. sogar etwas zu sinken scheint, nimmt dennoch die Anzahl der Wilderer zu, die sie einsetzen. Im Jahr 2013 haben wir 28 Fangstellen mit diesen Fallentyp gefunden und damit erstmals mehr, als mit Bogenfallen (22 Fangplätze). Ihre gleichzeitige Abnahme zeigt aber, dass jeder einzelne Wilderer immer weniger der Geräte einsetzt. Wir interpretieren dies als abnehmende Professionalität: Die Vogelfänger scheinen nach und nach dazu überzugehen, die Vögel nur noch für den eigenen Bedarf zu fangen, der Verkauf an Restaurants tritt zunehmend in den Hintergrund.

3.3 Andere Tierfallen

Während des Vogelschutzcamps 2013 wurden lediglich 11 weitere Fallen gefunden (2012 waren es 22). Es handelte sich dabei um sechs Lebendfallen (vorwiegend zum Fang von Finken und Rotkehlchen) und fünf Drahtschlingen zum Fang von Füchsen und Wildschweinen.

3.4 Netze

Singdrossel in einem illegalen Fangnetz – zum Glück ein immer seltener werdendes Bild!Singdrossel in einem illegalen Fangnetz – zum Glück ein immer seltener werdendes Bild!Netze werden vor allem von lizenzierten Jägern aufgestellt, um an die begehrten Lockvögel zu gelangen. Seit vier Jahren beobachten wir bereits einen Rückgang der Verwendung von Netzen, nachdem sie zuvor massiv zugenommen hatten. So haben wir zwischen 1990 und 2004 im Jahr nur rund 50 bis 80 Netze gefunden, 2009 waren es (in einem „Rekordjahr“) allerdings 167. Die nun in der Statistik für das Jahr 2013 aufgeführten 76 Netze verzerren allerdings etwas das „gute Bild“, denn 30 davon wurden von der Polizei bei einer Hausdurchsuchung gefunden. Tatsächlich haben wir also lediglich 46 aufgestellte Netze gefunden und damit weniger als ein Drittel wie noch vor fünf Jahren.

Seit einigen Jahren verzeichnen wir einen starken Rückgang der an den Netzen illegal verwendeten Lockvögel. So haben wir im Jahr 2005 insgesamt 139 Lockvögel an Netzen gefunden (entspricht 0,8 Vögeln pro Netz), 2009 waren es 59 (0,4 Vögel pro Netz) und in diesem Jahr nur noch 2 (also weniger als 0,05 Vögel pro gefundenem Netz, bezogen auf die 46 aufgestellten Geräte). Dieser Rückgang ist besonders erfreulich, weil die Netze ohne Locktiere sehr viel weniger effektiv sind und deshalb weitaus weniger Vögel gefangen werden.

Dieser sehr erfreuliche Aspekt ist vor allem auf unsere sehr massiven Einsätze gegen die Wilderei mit Netzen in den letzten Jahren zurück zu führen. Vor allem in dem Schwerpunktgebiet Lumezzane, wo in manchen Jahren über 30 Netze – vorwiegend mit Lockvögeln – gefunden wurden, waren es dieses Jahr nur noch drei Stück (darunter das einzige mit Lockvögeln). Dazu kommt, dass wir in einem anderen „Netz-Schwerpunkt“, dem Val Sabbia, in diesem Jahr weniger aktiv waren. Ein ortskundiger italienischer Naturfreund hat diesen Bereich in Absprache mit uns zu einem Teil übernommen. Er hat dabei eine größere Zahl von Lockvögeln an Netzen entdeckt, die ansonsten vermutlich in unsere Statistik eingeflossen wären.

Vom Komitee gegen den Vogelmord in Brescia gefundene Fallen und Netze und aufgrund unserer Hinweise überführte Wilderer in den letzten 10 Jahren (2003 - 2013):

Jahr Bogenfalle Schlagfallen Netze überführte
Wilderer
2003 7.378 245 83 18
2004 4.418 296 78 25
2005 3.753 258 174 18
2006 1.436 284 156 17
2007 1.231 338 133 36
2008 1.908 949 106 57
2009 2.159 340 167 42
2010 1.228 902 115 53
2011 1.056 588 94 37
2012 963 690 85 43
2013 1.161 520 76 38


3.5 Überführte Wilderer

Bei einem Wilderer beschlagnahmter Lockvogel (Fichtenkreuzschnabel)Bei einem Wilderer beschlagnahmter Lockvogel (Fichtenkreuzschnabel)Der Erfolg unserer Einsätze hängt von vielen Faktoren ab – insbesondere aber vom Wetter. Im Oktober 2013 hatten wir insgesamt 11 Regentage, an denen wir zwar meist im Einsatz, aber kaum erfolgreich waren. Auch Ansitze der Polizisten, die in der Regel mehrere Stunden bis hin zu ganzen Tagen versteckt und regungslos an den Fallen ausharren müssen, sind bei Regen nur selten durchführbar.

Insofern ist das Ergebnis von 38 überführten Wilderern durchaus bemerkenswert. Dies umso mehr, als dass die Aufklärungsquote mit 80 % ausgesprochen gut war (38 überführte Wilderer bei 47 gezeigten Fangstellen). Eine ebenso gute Quote hatten wir erstmals im letzten Jahr (43 Wilderer an 53 Stellen), davor lagen wir stets deutlich darunter – so etwa bei 58 % im Jahr 2011 (37 Wilderer an 63 Stellen).

Bei den 38 Vogelfängern wurden 698 Bogenfallen (davon 230 bei einer Hausdurchsuchung), 322 Schlagfallen und 62 Netze (davon 30 bei einer Hausdurchsuchung) sichergestellt. Mit zwei Ausnahmen waren alle Täter Männer im Alter zwischen 26 und 81 Jahren. Die beiden der Wilderei überführten Frauen waren über 80 Jahre alt!

4. Jagdfreigaben

Zugvogeljäger am Colle San Zeno (2011): Nachdem Buch- und Bergfinken auch 2013 nicht zur Jagd freigegeben wurden, wurde in Brescia so wenig geschossen wie noch nie zuvor!Zugvogeljäger am Colle San Zeno (2011): Nachdem Buch- und Bergfinken auch 2013 nicht zur Jagd freigegeben wurden, wurde in Brescia so wenig geschossen wie noch nie zuvor!Seit dem Jahr 1994 haben die Regionen Lombardei (in denen das Einsatzgebiet Brescia liegt) und Venetien jährlich Buch- und Bergfinken, Kernbeißer, Wiesen- und Baumpieper zum Abschuss freigegeben. Bis zu 2 Millionen Tiere eigentlich europaweit geschützter Arten wurden so jedes Jahr mit behördlicher Genehmigung getötet. Das Komitee hat in jedem Jahr mehrere Klagen vor den Verwaltungsgerichten eingereicht und in nahezu jedem Fall gewonnen. Die Abschussgenehmigungen mussten deswegen fast immer wieder zurückgezogen werden, ehe sie im Folgejahr erneut veröffentlicht wurden. Um diesem makabren „Katz-und-Maus-Spiel“ ein Ende zu bereiten, hat das Komitee gemeinsam mit seinen italienischen Partnern eine breite Allianz der Natur- und Tierschutzverbände geschmiedet und bei der EU für ein Ende der stetigen Ausnahmegenehmigungen gekämpft.

Einen ersten Teilerfolg hatten wir schon im Jahr 2012, in dem sich die Regionen Lombardei und Venetien wegen des schwebenden Verfahrens in Brüssel nicht getraut haben, die geschützten Arten zur Jagd frei zu geben. In diesem Jahr hat die EU-Kommission aufgrund unserer Kampagne dafür gesorgt, dass Italien die Hürden für die Ausnahmeregelungen derart angehoben hat, dass es auch im Jahr 2013 keine Region gewagt hat, solche Genehmigungen zu erteilen. Finken und Pieper waren deswegen im zweiten Jahr in Folge nicht zur Jagd freigegeben.

Grausiger Fund bei einer Hausdurchsuchung: gerupfte Singvögel in der Tiefkühltruhe eines WilderersGrausiger Fund bei einer Hausdurchsuchung: gerupfte Singvögel in der Tiefkühltruhe eines WilderersViele Jäger haben wegen dieser Einschränkungen für die Saison 2013 offenbar keine Jagdlizenz gelöst. In keinem Jahr seit dem Beginn unsere Aktionen in Brescia (1984) haben wir so wenige Jäger gesehen und so wenige aktive Schießanlagen gefunden. Die Zahl der Schüsse, die selbst während der Wochenenden und auch an guten Zugtagen zu hören waren, war mit großem Abstand so gering wie noch nie zuvor.

Sicher wird das vergleichsweise schlechte Wetter mit zahlreichen Regentagen ebenso dazu beigetragen haben wie die Tatsache, dass es aufgrund der ungewöhnlich warmen Witterung nördlich der Alpen im Oktober keinen sehr starken Vogelzug gab. Trotzdem hat das Jahr 2013 den Anschein gemacht, dass die Jagd erstmals seit vielen Jahren nicht noch weiter zugenommen hat. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich hier eine echte Trendwende abzeichnet.

5. Kosten

Die Gesamtkosten für den Einsatz betragen rund 23.000 € für Unterkunft und Reisekosten der 63 Teilnehmer, Mietfahrzeuge, Ausrüstung, Kosten für Unterbringung beschlagnahmter Vögel, Vor- und Nachbereitung und Lohnkosten. Dazu kommen Gerichtsgebühren und Anwaltshonorare in Höhe von etwa 3.000 € für unsere Klagen vor den Verwaltungsgerichten. Die Karl-Kaus-Stiftung für Tier und Natur (Bremen) fördert das Vogelschutzcamp im Jahr 2013 mit einer Spende in Höhe von 9.000 €.

6. Danksagung

Unser Dank gilt den Beamten der Sondereinheit zur Wildereibekämpfung der Staatlichen Forstpolizei (NOA) sowie den lokalen Forstpolizei-Stationen, der Provinzpolizei, dem Wildtierzentrum des Centro Soccorso Animali in Modena, der Lega Abolizione Caccia (LAC), den Jagdaufsehern des WWF und der LIPU, der Karl-Kaus-Stiftung für Tier- und Natur, unseren Förderern und natürlich ganz besonders allen Teilnehmern, die sich auch von Dauerregen nicht haben abhalten lassen, jeden Tag im Einsatz zu sein.


Alexander Heyd, November 2013


Komitee gegen den Vogelmord e.V. – Committee Against Bird Slaughter (CABS) An der Ziegelei 8, D-53127 Bonn / Germany

Tel.: (+49) 0228-665521, Fax.: (+49) 0228-665280, mobile: (+49) 172-2191542

Internet: www.komitee.de
Email: info @ komitee.de

Spendenkonto: Komitee gegen den Vogelmord
IBAN: DE93 2007 0024 0042 0000 00
BIC: DEUTDEDBHAM


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