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Steinquetschfallen in Italien:

Eine tot geglaubte Jagdtradition im Apennin

Bedrückende Entdeckung: Steinquetschfallen galten in Italien als ausgestorben - im Apennin wurden sie 2011 aber wieder gefunden  (Dezember 2011)Bedrückende Entdeckung: Steinquetschfallen galten in Italien als ausgestorben - im Apennin wurden sie 2011 aber wieder gefunden (Dezember 2011)Steinquetschfallen gehören zu den ältesten bekannten Fangmethoden für Singvögel. Eine Falle besteht aus vier Steinen - Zentralstück ist eine etwa 3 bis 10 Kilogramm schwere Kalksteinplatte. Sie wird mit einer sehr fragilen Konstruktion aus kleinen Stöckchen aufgestellt und mit frischen Wacholderbeeren beködert. Sobald ein Vogel an die leuchtend blauen Beeren gelangen will, berührt er zwangsläufig eines der Stöckchen und wird unter der herabfallenden Platte begraben und zerquetscht. Opfer dieser Fallen sind vor allem Drosseln, aber auch Meisen, Rotkehlchen, Stare, Pieper und andere Singvögel.

Lange Zeit galt das französische Zentralmassiv als letztes Gebiet, in dem diese brutale Fangmethode noch angewendet wird und sogar entgegen EU-Recht noch erlaubt ist (mehr dazu lesen Sie hier). In den letzten Jahren gab es nur wenige Meldungen von Mallorca, aus Venezien und Apulien, wo die steinzeitlichen Fallen gefunden worden waren - alles in allem sah es nach Einzelfällen aus. Die einst weit verbreiteten Steinquetschfallen schienen praktisch ausgestorben und bis auf das "Restvorkommen" im Süden Frankreichs kein nennenswertes Problem. Das hat sich nun leider geändert!

Zerquetscht: Wacholderdrossel in italienischer Steinquetschfalle (Dezember 2011)Zerquetscht: Wacholderdrossel in italienischer Steinquetschfalle (Dezember 2011)Im Jahr 2010 erhielten Komitee-Mitarbeiter einen Hinweis auf Steinquetschfallen aus dem Nordwesten des Apennins nördlich der Hafenstadt Genua. Eine Tiefreundin hatte hier über längere Zeit diese illegalen Fanggeräte gefunden und immer wieder zerstört. Um der Sache nachzugehen, hat das Komitee im Sommer 2011 eine Fahrt in den Ligurischen Apennin unternommen und mehrere Tage lang nach den steinernen Instrumenten gesucht. Die Fangzeit ist der Winter, aber die Fallen sind schwer und bleiben deswegen das ganze Jahr über an Ort und Stelle. Tatsächlich konnten im Juni 2011 sieben inaktive Steinquetschfallen gefunden werden. Die Stelle blieb für weitere Recherchen unberührt.

Vom 20. bis 23.12.2011 fand dann ein erster Einsatz des Komitees im Apennin statt. Das hauptsächliche Ziel der Aktion war es, aktive Fallen zu finden und das Ausmaß des Problems zu erkunden. Die deutschen und italienischen Komitee-Mitarbeiter mussten ganze Berghänge absuchen, um erst einmal ein Gefühl dafür zu bekommen, mit welchem System und in welchem Habitat diese Fallen aufgestellt werden. Als klar war, wo genau man suchen musste, wurden die Vogelschützer auch schnell fündig: Das Resultat war schlimmer als befürchtet - in einem eng begrenzten Gebiet konnten insgesamt 82 der verbotenen Steinquetschfallen gefunden werden - allesamt aktiv und frisch mit Wacholderbeeren beködert.

Der Fangplatz wurde am 23.12.2011 dem Umweltdezernat der zuständigen Provinzpolizei gemeldet. Nach mehreren erfolglosen Versuchen gelang ein Einsatz der Polizei am 17.01.2012: Die Beamten hatten sich an einer Falle auf die Lauer gelegt und nach mehr als 8 Stunden des Wartens den 65jährigen Wilderer überführt - etwa 200 der illegalen Fanggeräte wurden gefunden. Insgesamt sechs Polizisten waren nötig, um die schweren Steinfallen mit Hämmern zu zerstören. Bei einer umgehend durchgeführten Hausdurchsuchung konnten in der Tiefkühltruhe des Wilderers mehr als 100 geschützte und bereits gerupfte Vögel gefunden werden, ebenso Drahtschlingen zum Fang von Wildschweinen und illegale Jagdmunition. Den Mann erwartet ein Strafverfahren wegen Wilderei und Tierquälerei und eine saftige Geldstrafe!

Noch im Spätwinter oder Frühling 2012 wird ein weiterer Einsatz folgen, bei dem weitere Fangplätze gesucht werden sollen. Es steht zu befürchten, dass der Vogelfang mit Steinquetschfallen an vielen anderen Stellen in den Bergen nördlich von Genua "überlebt" hat.

Weitere Fotos:

Komitee-Mitarbeiter an einer Steinquetschfalle im Apennin (Dezember 2011)Komitee-Mitarbeiter an einer Steinquetschfalle im Apennin (Dezember 2011)


Kein Entkommen: Die Platten schlagen so schnell über den Vögeln zu sammen, dass eine Flucht unmöglich ist  (Dezember 2011)Kein Entkommen: Die Platten schlagen so schnell über den Vögeln zu sammen, dass eine Flucht unmöglich ist (Dezember 2011)


Das Fanggebiet in Norditalien (Dezember 2011)Das Fanggebiet in Norditalien (Dezember 2011)


Leuchtend blaue Beeren locken die Vögel unter die aufgestellte Steinplatte (Dezember 2011)Leuchtend blaue Beeren locken die Vögel unter die aufgestellte Steinplatte (Dezember 2011)