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Nestplünderer in den Obstplantagen Südtirols

Singdrosselnest in einem Apfelbaum: Leichte Beute für VogelhändlerSingdrosselnest in einem Apfelbaum: Leichte Beute für VogelhändlerDas riesige Obstanbaugebiet rund um die südtiroler Städte Bozen und Meran (Italien) ist ein besonders attraktives Brutgebiet für Drosseln. Trotz der intensiven Landwirtschaft brüten Tausende Amseln, Sing- und Wacholderdrosseln in den Obstplantagen des berühmten Urlaubsgebietes. Die Nester sind in den niederstämmigen Obstbäumen leicht zu erreichen und locken Wilderer an. Jedes Jahr im Mai kommen Vogelfänger und Vogelhändler aus ganz Norditalien in die Täler rund um Bozen, um die Drosselnester zu plündern. Die Küken werden anschließend mit legalen Zuchtringen markiert und kommen so als angebliche Nachzuchten auf den Markt. Abnehmer für die Tiere sind Jäger, die sie als Lockvögel bei der Singvogeljagd einsetzen und so besonders viele Drosseln abschießen können.

Komitee-Bird Guards im Etschtal (Südtirol)Komitee-Bird Guards im Etschtal (Südtirol)Das Phänomen ist seit langem bekannt, doch die lokalen Behörden haben trotz großem Engagement kaum eine Chance, die Täter zu überführen. Bis zu einem halben Dutzend Nestplünderer können von den Carabinieri in jedem Jahr überführt werden, aber die Aussichten auf satte Gewinne locken immer wieder neue Wilderer in die Obstgärten. Mehrere Tausend Küken werden auf diesem Weg als Lockvögel auf den Markt gebracht – das „Stück“ für rund 120 Euro.

Seit dem Frühjahr 2016 ist das Komitee gegen den Vogelmord in Südtirol aktiv. In enger Absprache mit den Carabinieri und in Kooperation mit unseren Partnerverbänden sind zur Brutzeit Komitee-Teams in den Obstplantagen im Einsatz, um Hinweise auf Nestplünderer zu sammeln und das Brutgebiet so gut wie möglich zu schützen.

Sichergestellte Drosselnester: Die Carabinieri fanden diese Küken aufgrund eines Hinweises des Komitees gegen den Vogelmord bei einem Nestplünderer im Mai 2016.Sichergestellte Drosselnester: Die Carabinieri fanden diese Küken aufgrund eines Hinweises des Komitees gegen den Vogelmord bei einem Nestplünderer im Mai 2016.Das größte Problem dabei ist, dass die Wilderer – anders als bei „alten Traditionen“ – keine vergleichbaren Verhaltensmuster aufweisen. Jeder Täter verhält sich anders: Manche parken direkt an den Plantagen, andere kommen zu Fuß. Die einen plündern die Nester am Tage, die anderen kommen mitten in der Nacht. Auch die Art und Weise, wie sie die zuvor gefundenen Nester markieren, um die Küken zum richtigen Zeitpunkt zu stehlen, ist von Typ zu Typ unterschiedlich. Manche verwenden auffällig rot-weißes Flatterband, andere legen kaum sichtbare Zeichen mit Stöcken oder Steinen.

Trotz dieser Schwierigkeiten konnten bereits Wilderer aufgrund unserer Hinweise überführt werden. In den nächsten Jahren wollen wir unsere Kenntnisse über diese ungewöhnliche Form der Wilderei ausbauen, um den „Kükenraub“ in Südtirol besser bekämpfen zu können.