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Bogenfallen - eine Tradition stirbt aus

Brutale Fangmethode

Lebendig mit zerschmetterten Beinen gefangenes RotkehlchenLebendig mit zerschmetterten Beinen gefangenes RotkehlchenDie Mechanik der zunächst simpel aussehenden Falle ist verblüffend und ausgesprochen brutal: Ein kleines Stöckchen und eine Schnur halten den traditionell aus einer Haselnussrute gefertigten Bogen (heute meist aus Draht) auf Spannung. Vögel werden von Vogelbeeren angelockt und werden dazu verleitet, sich auf dem waagerecht angebrachten Stöckchen niederzulassen. Berühren sie es, schnellt der Bogen auseinander. Die Tiere hängen im Bruchteil einer Sekunde kopfüber mit zerquetschten Beinen in dem Fanggerät. So bleiben sie auch in der warmen Herbstsonne lange frisch und werden erst vom Vogelfänger nach stundenlangem Todeklampf erlöst. Manche sterben allerdings auch an Blutstau im Kopf, allgemeinem Herz-Kreislauf-Versagen oder sie verbuten schlicht.

Rotkehlchen machen rund 90 % der mit Bogenfallen gefangenen Vögel aus. Die eigentlich nur Insekten fressenden Vögel ernähren sich im Herbst von den vitaminreichen Beeren und stellen daher die Masse der Opfer dar. Unter den restlichen 10 % finden sich vor allem Singdrosseln, Zaunkönige und Wintergoldhähnchen, seltener verfangen sich Buch- und Bergfinken, Meisen und Großvögel wie Waldohreulen oder Eichelhäher. Gelegentlich sterben, sozusagen als "Beifang", Siebenschläfer und Haselmäuse in den Fallen.

Die Effektivität der Bogenfallen ist erstaunlich: Rein statistisch fängt man mit 7 Fallen pro Tag einen Vogel. Hat ein Vogelfänger also 70 Fallen "in Betrieb", erbeutet er täglich 10 Rotkehlchen - bei einer Saison von Mitte September bis Mitte Dezember können so schnell 900 und mehr Vögel in der Pfanne landen - bei nur einer Person!

"Rückzug" nach Norditalien

Fast 90 % aller mit Bogenfallen getöteten Vögel sind RotkehlchenFast 90 % aller mit Bogenfallen getöteten Vögel sind RotkehlchenBogenfallen wurden bereits in der Broncezeit eingesetzt und waren bis zu den Anfängen der Neuzeit in fast allen Ländern Europas zu finden. In Deutschland, hier wurden die Fallen "Sprenkel" genannt, wurden sie im 19. Jahrhundert verboten und wurden letztmalig in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg gefunden.

Seither sind die brutalen Fanggeräte aus den Wäldern Europas verschwunden, mit drei Ausnahmen: Im Friaul in Nordostitalien gibt es vereinzelte Nachweise, aus dem Westen der französischen Pyrenäen (Baskenland) liegt eine einzige Meldung aus den letzten Jahrzehnten vor. Wirklich verbreitet ist der Fallentyp aber nur noch in einem kaum 1.500 Quadratkilometer großen Areal in der norditalienischen Provinz Brescia (Lombardei), in den Bergen zwischen Gardasee und Iseosee.

Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts standen die Bogenfallen in den Bergdörfern der Provinz Brescia noch in den Vorgärten für Jedermann sichtbar. Auch entlang von Hecken, auf Weideland und Wiesen waren die Fallen von Straßen und Wanderwegen aus zu sehen, obwohl sie auch in Italien seit den 50er Jahren verboten waren. Expertenschätzungen zufolge standen Anfang der 90er Jahre noch rund 150.000 Bogenfallen in den Bergen Brescias!

Das (nahe) Ende einer Tradition

Einsatz für den Bolzenschneider: Komiteemitglieder zerstören eingesammelte BogenfallenEinsatz für den Bolzenschneider: Komiteemitglieder zerstören eingesammelte BogenfallenAuf dem ersten Vogelschutzcamp des Komitees im Jahr 1985 sammelten 6 Aktivisten in knapp 2 Tagen 3.266 der Fallen ein. Seither wurden die Camps immer länger - aus dem ehemalig mehr spontan veranstalteten Fallensammeln wurde binnen 15 Jahren eine gut organisierte Riesenaktion gegen die Wilderei mit Hunderten von Teilnehmern.
Die Zahl der während der Einsätze gefundenen Bogenfallen stieg bis einschließlich 2001 mit den stetig umfangreicheren Aktionen. Im Jahr 2001 waren am Vogelschutzcamp des Komitees insgesamt 71 Personen beteiligt, die über zweieinhalb Wochen Fallen gesucht haben - eine Gesamtleistung von 189 Arbeitstagen. Das Ergebnis: 12.104 Bogenfallen!\

Im darauffolgenden Jahr scheint erstmals die seit 1999 praktizierte enge Zusammenarbeit mit der staatlichen Forstpolizei gewirkt zu haben. Seinerzeit begannen wir, gefundene Fallenstandorte den Beamten zu melden, so dass sich diese dort postieren und die Wilderer in flagranti überführen konnten. Nach den ersten Aufgriffen in den Jahren 1999 und 2000 schnappten die Polizisten 2001 erstmals mehr als 50 Wilderer. Die um sich greifende Angst der Vogelfänger vor einer Überführung zeichnet sich in der Zahl der im Jahr 2002 gefundenen Bogenfallen ab: Es waren nur noch 9.500, obwohl wir mit mehr Teilnehmern vor Ort waren (insgesamt 198 Arbeitstage).
Bis heute ging die Zahl der Bogenfallen weiter drastisch zurück, trotz immer längeren Camps. Im Herbst 2007 haben wir während unseres vierwöchigen Einsatzes mit 78 Teilnehmern nur noch 1.320 Fallen gefunden, also gerade noch 10 % der Menge von 2001! Im Jahr 2012 haben wir mir 963 Bogenfallen erstamls die "magische" Grenze von 1.000 unterschritten, 2016 haben wir in 5 Wochen nur noch 277 der brutalen Geräte abbauen können!

Geändert hat sich aber nicht nur die Zahl der Fallen an sich, sondern auch die "Fangsaison". Wegen der ständigen Gefahr erwischt zu werden, nutzen die Vogelfänger heute nur noch die Kernzeit des Vogelzugs. Die Fallen stehen nicht mehr - wie früher - drei Monate im Herbst auf, sondern nur noch von Anfang Oktober bis Mitte November!