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Vogelschutzcamp Brescia 2008
Abschlussbericht
In der Zeit vom 4.10. bis zum 2.11.08 fand das 22. Vogelschutzcamp des Komitees gegen den Vogelmord e.V. im oberitalienischen Brescia (Lombardei) statt. In enger Abstimmung mit unseren italienischen Partnerverbänden Lega Abolizione Caccia (LAC) und Centro Soccorso Animali (CSA) sowie in Kooperation mit der Sondereinheit zur Wildereibekämpfung der Staatlichen Forstpolizei haben 72 Vogelschützer aus Italien, Groß-Britannien und Deutschland Vogelfallen und Fangnetze gesucht und bei der Überführung von Wilderern mitgewirkt.
Hintergrund
Die Provinz Brescia ist einer der Brennpunkte der Wilderei in Europa. Hier stellen Tausende von Wilderern Fallen und Netze für den Vogelfang auf. Archaische und längst verbotene Geräte wie Bogenfallen oder Leimruten werden dabei immer seltener eingesetzt; industriell hergestellte Schlageisen erfreuen sich dagegen immer größerer Beliebtheit. Die begehrteste Beute der Vogelfänger sind dabei Rotkehlchen und Heckenbraunellen, die als besonders schmackhaft gelten und über die Hälfte der gefangenen Vögel ausmachen.
In Brescia gehen zudem 80.000 lizenzierte Jäger auf die Vogelpirsch. Sehr verbreitet ist die Jagd mittels lebender Lockvögel, die ihre freilebenden Artgenossen vor die Tarnhütten der Jäger locken. Alleine in Brescia gibt es mehr als 1.500 solcher Anlagen, in denen weit über 40.000 Lockvögel ihr Dasein fristen – ganz legal. Zum Abschuß freigegeben sind vier verschiedene Drosselarten und Feldlerchen. Jagfreundliche Behörden genehmigen jedes Jahr den Abschuss nach EU-Recht geschützter Finken, Stare und Sperlinge. Auch die Wilderei mit der Flinte ist weit verbreitet, insbesondere Rotkehlchen, Erlenzeisige und Kernbeisser werden zu Abertausenden illegal geschossen.
Die verbotenen Netze werden sehr oft von den Tarnhüttenbesitzern zum Fang von lebenden Lockvögeln aufgestellt – denn im offiziellen Vogelhandel kosten legale Lockvögel zwischen 100 und 150 Euro!
Vorgehensweise
Die Teilnehmer des Vogelschutzcamps waren in Kleingruppen aus jeweils zwei bis drei Personen eingeteilt. Ihre Aufgabe lag im Aufspüren von Fallen- und Netzstandorten für die Forstpolizei. Sobald eine Fangstelle ausgemacht wurde, zogen sich die Teams aus dem Gebiet zurück und erkundeten dabei einen geeigneten Weg für eine Rückkehr in der Nacht. In den Folgetagen wurden die Beamten der Forstpolizei in der Dunkelheit – meist zwischen 3 und 5 Uhr am Morgen – an den Fallen und Netzen platziert.
Die Polizisten mussten in der Regel nicht lange auf die Wilderer warten - in fast allen Fällen erfolgte der Aufgriff binnen weniger Stunden. In eingezäunten Privatgrundstücken wurden die Besitzer zur Verantwortung gezogen, hier waren ver-steckte Ansitze wegen der klaren Beweislage nicht notwendig.
Sobald ein Wilderer von den Beamten gestellt war, wurde das betroffene Gebiet von uns erneut gründlich durchsucht und alle dabei gefundenen Fanggeräte abgebaut.
Bei der Kontrolle der Gebiete haben wir großen Wert auf eine gute Tarnung gelegt, damit die Wilderer keinen Verdacht schöpften. Für die gefährlichsten Bereiche hat das Komitee gegen den Vogelmord in diesem Jahr zwei italienische Mietfahrzeuge für die gesamte Dauer des Camps gemietet – die Teilnehmer konnten so unauffällig ins Gelände gelangen.
Ergebnisse
Die Teilnehmer des Vogelschutzcamps haben während des vierwöchigen Einsatzes 2.979 Fanggeräte gefunden:
- Bogenfallen: 1.908
- Schlagfallen: 949
- Fangnetze: 106
- Drahtschlingen: 9
- Andere Fallen: 7
Insgesamt wurden 175 Plätze in dem 2.500 Quadratkilometer großen Fanggebiet kontrolliert. An 45 Stellen, die zum Teil als tradintionelle Standorte von Netzen und Fallen bekannt waren, wurden keine Aktivitäten mehr festgestellt. An den verbleibenden 130 Orten wurden die Teams fündig:
- 95 Standorte von 1.002 Bogenfallen, 796 Schlagfallen und 72 Netzen wurden der Forstpolizei gezeigt
- an 56 dieser Stellen wurden 57 Wilderer festgenommen (56 Männer, 1 Frau)
- an 39 Stellen schlug der Ansitz der Polizei fehl
- an den verbleibenden 35 Orten wurden 906 Bogen- und 153 Schlagfallen sowie 34 Netze von uns abgebaut
Bei den Vogelfallen ist gegenüber dem Ergebnis des Vorjahres eine Zunahme zu verzeichnen: Es wurden 55 % mehr Bogenfallen gefunden (2007 waren es 1.231) und bei den Schlagfallen - die erstmals 1997 in Brescia nachgewiesen wurden - ist sogar eine Zunahme von 281 % zu beobachten (2007: 338). Während die größere Menge Bogenfallen vermutlich nur auf einige glücklicherweise gefundene Großfangstellen und das durchweg gute Wetter zurückzuführen ist, handelt es sich bei der dramatischen Zunahme der Schlagfallen um eine Besorgnis erregende Entwicklung. Die Wilderer scheinen mehr und mehr auf dieses Gerät umzusteigen, das zwar weniger effektiv als die althergebrachten Bogenfallen ist, aber dafür kaum im Gelände ausgemacht werden kann. Die Gefahr, mit Schlagfallen erwischt zu werden, ist damit deutlich geringer als bei der Verwendung von Bogenfallen.
Positiv zu vermerken ist der Rückgang der Netze von 133 Stück im letzten Jahr auf nunmehr 106. Auffällig war dabei die vergleichweise geringe Größe der Fangnetze und die gegenüber den Vorjahren sehr viel geringere Anzahl der dort verwendeten lebenden Lockvögel. Im Jahr 2007 haben wir noch über 120 illegal an den Netzen postierte Vögel gefunden, in diesem Jahr waren es nur noch 52! Grund für diese Zurückhaltung dürften unsere zielgerichteten Aktionen gegen die Wilderei mit Netzen sein, bei denen wir in den letzten Jahren insbesondere in dem dafür bekannten Osten Brescias viele Wilderer an großen Fangstellen erwischt haben.
Die Anzahl von 57 aufgrund unserer Hinweise überführten Vogelfänger ist die mit Abstand höchste unserer Vereinsgeschichte. Im vergangenen Jahr hatten wir mit insgesamt 36 gestellten Wilderern bereits einen Rekord gebrochen - dieses ausgezeichnete Ergebnis ist vor allem auf unsere hervorragend aufeinander eingespielten und fachkundigen Teams zurückzuführen, aber auch auf die in diesem Jahr ausgesprochen motivierten Polizisten.
Wie auch schon im Jahr 2007 wurden erneut zahlreiche Wilderer auf ihren Privatgrundstücken überführt: 23 der 57 in flagranti erwischten Vogelfänger hatten Fallen in ihren Gärten aufgestellt. Für dieses besonders schwierige Einsatzgebiet haben wir ein spezielles „Garten-Team“ eingesetzt.
An den 39 Stellen mit fehlgeschlagenen Ansitzen haben die Beamte vergeblich auf die Vogelfänger gewartet – zum Teil tagelang. Hier haben die Wilderer offenbar Verdacht geschöpft und ihre Fallen und Netze nicht mehr kontrolliert. Einen Effekt dürften aber auch diese Einsätze haben, denn sie fördern den Argwohn der Täter und ihre Angst, beim nächsten Mal erwischt zu werden.
Weitere Aktionen in Brescia
Das Vogelschutzcamp des Komitees gegen den Vogelmord ist das „Herzstück“ der Zugvogelschutzaktionen in Brescia. Darüber hinaus haben Teams unseres Partnerverbandes LAC an zwei Wochenenden im September und vier Wochenenden im November in der Provinz Brescia weitere 120 Bogenfallen, 71 Schlagfallen und 12 Fangnetze gefunden und abgebaut.
Der Einsatz der Jagdaufseher unseres Partners WWF war auch in diesem Jahr nur sehr eingeschränkt möglich. Bereits im Jahr 2007 hatte die Provinzverwaltung eine „Koordinationsstelle für die Jagdaufsicht“ eingerichtet, die den jagdfreundlichen Beamten eine Kontrolle über die Einsätze ermöglicht. Im letzten Jahr gelang es uns mit einem Trick, diese Koordination auszuhebeln und so zumindest einen kleinen Einsatz zu ermöglichen. Im Jahr 2008 war die Provinz darauf vorbereitet und hat kurzerhand alle WWF-Jagdaufseher vom Dienst suspendiert. Daraufhin hat sich ein Dutzend von ihnen als „normale“ Naturschützer am Vogelschutzcamp des Komitees beteiligt. Bei Gesprächen im November 2008 gab es eine Annäherung zwischen Provinz und WWF, so dass es im kommenden Herbst hoffentlich wieder ein reguläres, großes Jagdaufsehercamp in Brescia geben wird.
Die Anwaltskanzlei Claudio Linzola wurde auch in diesem Jahr wieder mit Beschwerden gegen Verordnungen in der Region Lombardei beauftragt. Insgesamt gab es vier Klagen gegen die Genehmigung des Vogelfangs in den Provinzen Brescia, Bergamo und Lecco (vor dem Verwaltungsgericht Mailand) sowie ein Verfahren gegen die Jagdfreigabe von mehreren Millionen Buch- und Bergfinken, Staren, Italien- und Feldsperlingen in der gesamten Lombardei (vor dem Verwaltungsgericht von Lazien in Rom). Die Vogelfanganlagen in Bergamo und Brescia mussten geschlossen und der Abschuss der geschützten Finken, Stare und Sperlinge gestoppt werden. Die Klage gegen den Vogelfang in Lecco wurde leider abgewiesen.
Kosten des Einsatzes
Die Kosten für Unterkunft und Anfahrt der Teilnehmer, Mietwagen, Ausrüstung, Zuwendungen an die teilnehmenden Partnerverbände (z.B. Futterkostenzuschuss für beschlagnahmte Lockvögel an die Auffangstation des CSA in Modena) sowie Gerichts- und Anwaltskosten belaufen sich auf insgesamt rund 26.000 €. Sie werden ausschließlich über Spenden an das Komitee gegen den Vogelmord und durch eine Förderung der Karl-Kaus-Stiftung für Tier und Natur (Bremen) getragen.
Aussichten für 2009
Auch für Herbst 2009 ist ein vierwöchiges Vogelschuztzcamp des Komitees gegen den Vogelmord in Brescia geplant. Der Einsatz wird voraussichtlich vom 3.10. bis 01.11.2009 stattfinden.










