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Aussterbende Delikatesse

Ortolanfang in Südfrankreich

Der Ortolan ist einer der seltensten Singvögel Europas. Die Bestände der Art in Mitteleuropa schrumpfen zusehends, in Deutschland ist die Ammernart vom Aussterben bedroht. Gourmets in Frankreich legen für einen Ortolan ein kleines Vermögen auf den Tisch - der Vogel ist ein Opfer egoistischer Genussmenschen.

Ortolan: In ganz Europa vom Aussterben bedroht - in Frankreich geschätzte DelikatesseOrtolan: In ganz Europa vom Aussterben bedroht - in Frankreich geschätzte DelikatesseWesteuropäische Ortolane ziehen im Herbst bei ihrem Flug nach Afrika über Südfrankreich. Im Department Les Landes, südlich von Bordeaux, warten die Vogelfänger dann schon sehnsüchtig auf ihre Beute. In Maisfeldern versteckt haben sie kleine Fangkäfige aufgestellt, mit denen die begehrten Ammern lebendig gefangen werden. Die wenigsten Vögel wandern direkt in die Küche - sie erwartet ein Martyrium: Die Tiere werden in Käfige gesperrt und im Dunkeln gehalten, um ihren Tagesrythmus durcheinander zu bringen. Angeblich werden manchen Ortolanen sogar die Augen ausgebrannt, um den gleichen Effekt zu erreichen. Die verwirrten Tiere beginnen, ständig zu fressen und verdoppeln binnen weniger Wochen ihr Gewicht. Als "Fettammern" werden die gemästeten Wildvögel dann regelrecht geschlachtet und an Restaurants verkauft.

Gourmets sollen von dem Geschmack des Ortolans ganz verzaubert sein. Es gehört zum Ritual, sich beim Verspeisen der Delikatesse eine Serviette über den Kopf zu legen, damit man seinen Tischnachbarn nicht mit dem glückselig verzerrten Gesicht verstört und der Genuss ein intimes Erlebnis bleibt. Zu den Freunden der selbstverständlich illegalen Verköstigung gehören viele berühmte Persönlichkeiten, darunter der französische Politiker Allain Juppé und der verstorbene Staatspräsident Francois Mitterand. Der hatte sich Ortolane sogar als eine der letzten Mahlzeiten vor seinem Tode gewünscht - und bekommen!

Ortolanfalle im Departement Les LandesOrtolanfalle im Departement Les LandesDie Feinschmecker sind bereit, für einen einzelnen, in Fett und Cognac gebratenen Ortolan mehrere Hundert Euro hinzublättern. Es darf nicht verwundern, dass solche Gewinnspannen zahlreiche Vogelfänger animieren. Im Südwesten Frankreichs haben sich rund 1.500 Wilderer auf den Ortolanfang spezialisiert. In jedem Jahr werden so zwischen 40.000 und 80.000 der seltenen Ammern illegal gefangen, weit mehr als die gesamte mitteleuropäische Population!

Der Fang von Ortolanen ist nicht zuletzt aufgrund einer Kampagne des Komitees gegen den Vogelmord in den 1990er Jahren verboten worden. Seit wenigen Jahren gibt es tatsächlich Bemühungen seitens der Regierung und der Polizei, der Wilderei entgegen zu treten. Wenn auch die Razzien in Restaurants und Festnahmen von Vogelfängern bislang in eher kleinem Umfang stattfinden, ist doch ein Anfang getan. Es bleibt zu hoffen, dass die Gourmets vor den Ortolanen aussterben - es wird wohl ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Das Komitee gegen den Vogelmord ist seit Sommer 2011 in Südfrankreich aktiv und beteiligt sich an der Suche nach Fangplätzen und sammelt illegale Fallen ein. Mehr zu unseren Einsätzen zum Schutz des Ortolans lesen Sie hier.