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Gefangen, Gemästet, Ertränkt

Artikel aus der Komitee-Zeitschrift Artenschutzbrief Nr. 16 (2012)

Von Axel Hirschfeld

Begehrte Beute französischer Vogelfänger: Der vom Aussterben bedrohte Ortolan  (© kikoarcas)Begehrte Beute französischer Vogelfänger: Der vom Aussterben bedrohte Ortolan (© kikoarcas)Ortolane gehören zu unseren schönsten und buntesten, leider aber auch zu unseren am stärksten bedrohten Singvogelarten. Einer der Hauptgefährdungsfaktoren ist die illegale Vogeljagd. Denn obwohl die Art europaweit rapide abnimmt, werden im Südwesten Frankreichs pro Jahr immer noch Zehntausende Ortolane auf dem Zug ins Winterquartier lebend gefangen. Die Tiere werden dann gemästet, in Alkohol ertränkt und enden schließlich in den Mägen von Gourmets, die bis zu 500 Euro für ein Ortolan-Menü bezahlen. Trotz eindeutiger Verbote durch die EU wurde der Fang jahrelang von den französischen Behörden toleriert. Eine Aktion des Komitees gegen den Vogelmord im September 2011 hat jetzt erstmals dazu geführt, dass Hunderte Fallen zerstört und zahlreiche Lockvögel befreit werden konnten.

Vom Allerweltsvogel auf die Rote Liste

Der Ortolan, auch Gartenammer genannt, hat etwa die Größe eines Spatzen, wirkt jedoch deutlich schlanker. Mit seinem gelbgrünen Kopf, den leuchtend gelben Augenringen und einer zimtbraunen Unterseite ist er ein echter Blickfang, den man allerdings nur selten zu sehen bekommt. Auch akustisch hat der Ortolan einiges zu bieten. Sein besonders gerne von hohen Singwarten vorgetragener, glockenklarer und melodischer Gesang soll Ludwig van Beethoven zum Auftakt seiner fünften Symphonie inspiriert haben.
Als ausgesprochene Kulturfolger lieben Ortolane die von Menschen geprägte offene Agrarlandschaft wie warme Börde- und Heidelandschaften sowie Weinberge. Die Art ist dabei an Gebiete gebunden, in denen noch traditionell und extensiv gearbeitet wird. Weil solche Flächen in Zeiten industriell betriebener Landwirtschaft immer seltener werden, haben die Ortolane in den letzten Jahrzehnten einen Großteil ihres Lebensraums verloren. Kaum eine Singvogelart hat in den letzten Jahren ähnlich starke Bestandseinbußen erlitten. Früher weit verbreitet ist der Ortolan mittlerweile in großen Teilen Mitteleuropas ausgestorben oder akut bedroht. Auch in Deutschland ist von der flächendeckenden Verbreitung dieses ehemaligen Allerweltsvogels nur noch ein löchriger Flickenteppich übrig geblieben. In Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Thüringen ist die Art als Brutvogel verschwunden. Der letzte singende Ortolan in Nordrhein-Westfalen wurde im Jahr 2002 im Kreis Wesel festgestellt. Seitdem gilt die ehemals viele tausend Paare umfassende Population auch hier als ausgestorben. Aber wo sind die ganzen Ortolane geblieben?

Fang für französische Gourmets

Glück gehabt: Dieser Ortolan kann bald wieder in Freiheit fliegenGlück gehabt: Dieser Ortolan kann bald wieder in Freiheit fliegenSicher ist, dass die Intensivierung der Landwirtschaft seit Beginn der 50er Jahre zu einer stetigen Abnahme der Bestände und des Bruterfolges in Deutschland geführt haben. Sicher ist aber auch, dass seitdem viele Millionen Ortolane auf dem Zug in Frankreich gefangen und als Delikatesse verspeist wurden - und bis heute werden. Denn trotz massiver Bestandsrückgänge ist der gezielte Fang dieses Zugvogels im Südwesten Frankreichs immer noch weit verbreitet. Preise von bis zu 1.000 Euro für einen guten Lockvogel und bis zu 200 Euro für ein totes Exemplar machen auch den Fang der wenigen überlebenden Vögel noch lukrativ. Das Zentrum der Ortolan-Wilderei liegt im Süden der Region Landes und im Norden des Département Pyrénées-Atlantiques. Um den auf dem Weg nach Afrika dort durchziehenden Ortolanen nachzustellen, bauen Wilderer hier jeden August zwischen 1.000 und 1.500 Fanganlagen auf.

Fang und Mast in großem Stil

Versteckt an Waldrändern oder in Mais- und Haferfeldern locken Lockvögel ihre vorbei fliegenden Artgenossen in kleine Käfigfallen, mit denen die Tiere lebend gefangen werden. Denn bevor die gefangenen Ortolane in der Pfanne landen, werden sie wochenlang im Halbdunkeln gehalten und mit Getreide gemästet. Die teilweise grotesk fetten Tiere werden anschließend – trotz strenger Verbote – illegal an Restaurants und private „Feinschmecker“ verkauft. Kenner der Szene gehen davon aus, dass jedes Jahr mehr als 40.000 wilde Ortolane in solchen illegalen Mastbetrieben landen. Das ist zwar nur ein Bruchteil dessen, was früher erbeutet wurde, aber immer noch ein Vielfaches des heute in Deutschland verbliebenen Restbestandes, der irgendwo zwischen 5.000 und 9.000 Brutpaaren liegt.

Lebend in Schnaps ertränkt

Komitee-Mitarbeiter bauen eine illegale Ortolan-Fanganlage in Frankreich abKomitee-Mitarbeiter bauen eine illegale Ortolan-Fanganlage in Frankreich abAm Ende der Mast, wenn die Vögel ein Vielfaches ihres Normalgewichtes erreicht haben, werden sie lebend in Armagnac – einem französischen Weinbrand – ertränkt. Das natürliche Aroma der Vögel bekommt dadurch – glaubt man diversen Kochbüchern – eine besondere Note. Anschließend soll man, so rät das „Grand Livre de cuisine“ des renommierten Spitzenkochs Jean-Francois Piége „die untere Schnabelhälfte und die Zunge der Ortolane entfernen. Füße an den Gelenken abtrennen und die Flügelspitzen wegschneiden.“ Nachdem die Vögel in speziellen Schälchen – den so genannten Kokotten – gegart wurden, wird serviert. „Sobald das Fett zu zischen beginnt, die Kokotten aus dem Ofen nehmen und die Vögel mit frisch gemahlenem Pfeffer würzen und sofort in den geschlossenen Kokotten am Tisch servieren“, so der Kochbuchautor Piége.

Behörden schützen die Vogelfänger

Der Kult um den Genuss der „Fettammer“, deren Zubereitung neben der von Foie-Gras, Bouillabaisse und Quiche Lorraine zu den Königsdisziplinen der französischen Traditionsküche zählt, geht soweit, dass selbst geltendes EU-Recht ignoriert wird. Viele Politiker unterstützen den Fang der bedrohten Tiere ganz offen. „Der Fang ist eine wichtige Tradition für alte Menschen in unserer Region“, so Henri Emmanueli, Sozialist und Chef des Regionalparlamentes von Landes. Dort wird der Fang von den Behörden - trotz offizieller Verbote – bis heute toleriert. Die Pariser Umweltstaatssekretärin Chantal Jouanno gab in einem Interview mit der Agentur AFP zu, dass die Regierung in Paris 30 Jahre lang tatenlos zugesehen habe, bekräftigte jedoch, dass es von 2010 an, dem Internationalen Jahr der Biologischen Vielfalt, keine Toleranz für den Ortolanfang mehr geben würde. Große Worte, denen leider keine Taten folgten. Im September 2010 erreichten das Komitee gegen den Vogelmord zahlreiche Berichte darüber, dass der Fang von Ortolanen in Frankreich trotz der neuen, angeblichen „Null-Toleranz-Politik“ unvermindert weitergeht. Der Vorstand des Komitees beschloss daraufhin, tätig zu werden und beauftragte die Geschäftsstelle mit der Vorbereitung von konkreten Aktionen in den Fanggebieten.

Widerstand vor Ort

Der schönste Moment des Tages: Freilassung eines Ortolan-LockvogelsDer schönste Moment des Tages: Freilassung eines Ortolan-LockvogelsIm Spätsommer 2011 fiel schließlich der Startschuss für das erste vom Komitee durchgeführte Vogelschutzcamp in Südfrankreich. Sechs Mitglieder aus Italien und Deutschland reisten Ende August nach Landes, um dort 8 Tage lang gegen den illegalen Fang Widerstand zu leisten. In wochenlanger Arbeit hatten Mitarbeiter der Bonner Komitee-Geschäftsstelle zuvor mehrere Dutzend Fangstellen auf Satellitenbildern aus dem Jahr 2010 identifizieren können. Und fast alle auf dem Computer ausgekundschafteten Stellen waren auch im Jahr 2011 wieder besetzt. Vom 27.08. bis 03.09. wurden in der Nähe der Stadt Mont-de-Marsan insgesamt 14 Fangstellen gefunden, 139 illegale Fallen abgebaut und 23 lebende Ortolane, die als Lockvögel gehalten wurden, befreit. Drei Fangstellen in eingezäunten Grundstücken mit insgesamt rund 60 Fallen wurden der Gendarmerie gemeldet. „Die Menge der Fangplätze ist enorm. Die meisten Fänger arbeiten völlig offen, da sie bisher von der Polizei nichts zu befürchten hatten“, kommentiert Komiteemitarbeiter Dr. Andrea Rutigliano. Ganz anders die Aktivisten des Komitees, die nach der Zerstörung eines illegalen Fangplatzes von einer Patrouille der Gendarmerie angehalten und befragt wurden. Rutigliano: „Die hatten vor, uns wegen Beschädigung der Fallen zu verhaften. Von einer Null-Toleranz-Politik gegenüber den Vogelfängern hatten diese Polizisten noch nie etwas gehört“. Erst nach Rücksprache mit ihren Vorgesetzten sahen die Beamten ein, dass sie die Falschen erwischt hatten und entschuldigten sich für das „Versehen“. Anschließend ließen sich die sichtlich verwirrten Polizisten noch einen weiteren Fangplatz zeigen und leiteten – nach weiterer langwieriger Diskussion mit den Vogelschützern – widerwillig ein Strafverfahren gegen den Fänger ein.

Für 2012 weitere Einsätze geplant

Unsere Recherchen vor Ort haben gezeigt, dass der Fang von Ortolanen in Frankreich - allen anders lautenden Beteuerungen diverser Politiker zum Trotz - unvermindert weitergeht. Um die Überlebenschancen der in Deutschland und anderen EU-Ländern verbliebenen Brutpaare zu erhöhen, wird das Komitee auch im Jahr 2012 wieder einen Einsatz gegen die Ortolan-Wilderei in der Region Landes durchführen. Konkret ist geplant, vom 25.8. bis zum 2.9. insgesamt drei Teams nach Frankreich zu entsenden. Hauptziel ist das Aufspüren so vieler Fangplätze wie möglich. Neben einer verstärkten Zusammenarbeit mit der Polizei wollen wir in diesem Jahr auch erstmals französische Ornithologen mit einbinden. Zusätzlich sollen bei der Aktion auch Beweise gegen Restaurants gesammelt werden, die trotz striktem Vermarktungsverbot immer noch gebratene Singvögel anbieten. Über die Ergebnisse dieser – hoffentlich erfolgreichen – Kampagne werden wir im nächsten Artenschutzbrief ausführlich berichten.