Printer-friendly version

Ein Leben für die Vögel

Nachruf auf den 2002 verstorbenen Vorsitzenden des Komitees Eugen Tönnis

„Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani, tertiam qui ipsorum lingua Celtae, nostra Galli appellantur. Horum omnium fortissimi sunt Belgae.“ („Gallien zerfällt in drei Teile: In dem einen leben die Belgier, in dem zweiten die Aquitaner und im dritten die Völker, die in der Landessprache Kelten heißen, bei uns jedoch Gallier. Die Belgier sind von allen die tapfersten.") - Gajus Julius Caesar (100-44 v.Chr.)

Eugen Tönnis (1959 - 2002)Eugen Tönnis (1959 - 2002)Mit den ersten Zeilen des Berichtes „De Bello Gallico“ des römischen Feldherren Julius Caesar sollten einmal Eugen Tönnis‘ Memoiren beginnen. Das Zitat war – natürlich scherzhaft – sein liebstes, denn in der Tat waren die belgischen Vogelfänger das unfreundlichste und hartnäckigste Völkchen, das ihm in seinem viel zu kurzen Leben begegnet ist.

Geboren 1959 in der Kleinstadt Übach- Palenberg, einen Steinwurf entfernt von der belgischen und holländischen Grenze, wuchs er in einer Region auf, die seinerzeit eine Hochburg mitteleuropäischen Vogelfangs war. Früh entdeckte Eugen seine Liebe zur Natur und zu den Vögeln. Bereits im Alter von 8 Jahren zerstörte er eine Spatzenfalle in Nachbars Garten und handelte sich eine Menge Ärger ein. So sollte es sein Leben lang bleiben.
Als Schüler entdeckte Eugen nahe der holländischen Grenze während einer Exkursion für den Deutschen Bund für Vogelschutz einen Vogelfangplatz und informierte die Polizei. Mit ihnen auf die Lauer gelegt, wurden die Vogelfänger auf frischer Tat ertappt und festgenommen. Der Erfolg dieser spontanen Aktion beflügelte ihn zu größerem Engagement. Als 1975 das Komitee gegen den Vogelmord gegründet wurde, hatte er bald Kontakt zu den Vogelschützern. Seine Nähe zu Belgien, in dem der Vogelfang noch völlig legal vonstatten ging, brachte ihm rasch die Rolle eines Koordinators für die Aktionen des Vereins vor Ort ein.

Immer wenn die Fangsaison im Herbst begann, sammelte Eugen jedes Wochenende aufs Neue seine Freunde und überfiel mit der Presse im Schlepptau die belgischen Vogelfänger mit Trillerpfeifen, Transparenten, Alarmsirenen, ja sogar Feuerwerkskörpern. In schlachtenähnlichen Aktionen befreiten sie Lockvögel, zerstörten Fangnetze und Käfige, bis sie von den aufgebrachten Vogelfängern mit Mistgabeln und Flinten zurück über die Grenze nach Deutschland gejagt wurden.
Bei einer Demonstration gegen denVogelfang bei Aachen lernte er 1983 erstmals italienische Vogelschützer kennen. Einer Einladung folgend besuchte er 1984 Norditalien. In Nacht-und-Nebel- Aktionen wurden Vogelfallen und Fangnetze eingesammelt, Lockvögel befreit und die eine oder andere Großfanganlage mit Handsägen schlicht und einfach dem Erdboden gleichgemacht. Diese ersten wenig koordinierten Einsätze entfachten in ihm eine Begeisterung, die bis zu seinem Tode ungebrochen blieb. Seit 1986 leitete er die Aktionen des Vereins in Italien. Zuerst waren es verlängerte Wochenenden, an denen mehr oder minder spontan und ohne Absprache mit den Behörden Fallen und Netze eingesammelt wurden, zuletzt Großaktionen von 20 Tagen Länge mit Polizeibegleitung und nicht selten über 20.000 beschlagnahmten Fallen, Netzen, Flinten und Munition.

Eugen Tönnis bei der Verleihung des Umweltpreises des Bayerischen Runsdfunks (1996)Eugen Tönnis bei der Verleihung des Umweltpreises des Bayerischen Runsdfunks (1996)Eugen bekam immer mehr Kontakte zu Vogelschützern anderer Länder. Bald war er in Frankreich bei Lerchen- und Kiebitzfängern, bald in Spanien bei Leimrutenfanganlagen, dann in Tschechien bei Vogelhändlern, bei den Jägern auf Malta und zwei Mal sogar in den Tropen Südamerikas – auf eigene Kosten. Überall sorgte er für Aufregung und Medienwirbel. Er half den befreundeten Naturschützern bei der Arbeit, sorgte für finanzielle und logistische Unterstützung durch das Komitee gegen den Vogelmord.

Seine soziale Ader zeigte er bei kommunalpolitischer Arbeit. 1979 war er Gründungsmitglied der Grünen in seiner Heimatregion und saß seit 1984 für diese auch im Stadtrat von Übach-Palenberg – bis zuletzt. Hier stritt er nicht nur für eine bessere kommunale Naturschutzpolitik, sondern auch für Kindergärten und Arbeitsplätze, ein Demokrat durch und durch. Ganz nebenbei war er vom Bistum Aachen anerkannter Berater für Kriegsdienstverweigerung.

Andere Menschen haben neben ihrer Arbeit noch ein Hobby, bei Eugen war es umgekehrt: Neben dem Vogelschutz hatte er auch noch die Arbeit! Er war Lehrer für Biologie und Erdkunde, lehrte zuletzt an der Gesamtschule in Alsdorf bei Aachen. Jede freie Minute brachte er ohne Rücksicht auf sich selbst für den Verein auf. Morgens sprang er eine Stunde früher aus dem Bett, um etwas für den Verein zu erledigen, der Nachmittag und Abend waren völlig für den Vogelschutz reserviert, von den Wochenenden ganz zu schweigen. Bei einem solchen Terminkalender war an eine eigene Familie nie zu denken.

Nein, Eugen war kein einfacher Mensch. Er war „kantig“, wie ein Mitarbeiter kürzlich bemerkte. Sein Ziel, dem Vogelfang und der Jagd in Europa ein Ende zu setzen, prägte ihn in jeder Lebenslage, jeden Tag. Er war ein Einzelkämpfer der alten Sorte, verlangte von sich mehr als alles und forderte auch seine Mitstreiter, über sich hinauszuwachsen. Während andere nach einem langen Tag beim Fallensammeln in den Bergen Norditaliens abends nur noch eine Dusche und ein Glas Wein verlangten, saß Eugen ungerührt am Computer oder telefonierte stundenlang, um die nächsten Einsätze zu planen. Ließ er davon aber doch einmal ab, sorgte er für unvergessliche Abende, an denen er alte Geschichten von Aktionen in Belgien und Italien zum Besten gab und damit die ganze Mannschaft hervorragend unterhielt.

Freilassung eines beschlagnahmten Lockvogels (1999)Freilassung eines beschlagnahmten Lockvogels (1999)Wenn er Erfolg hatte – und das war praktisch ständig der Fall – war er für einen Moment zufrieden, um bald darauf wieder vertieft und verbissen das nächste Projekt voranzubringen. Immer im Sinne der Sache. Selber spartanisch, war er Freunden gegenüber immer großzügig und hätte im Falle eines Falles sein letztes Hemd gegeben, um jemandem zu helfen. Dabei war er immer sehr bescheiden. Andere Menschen mit seiner Persönlichkeit hätten Ämter und Pöstchen an sich gerissen, Eugen agierte meist im Hintergrund. Als er 1995 zum Vorsitzenden des Komitees gewählt wurde, war es schwer, ihm beizubringen, unter einen Brief „1.Vorsitzender“ zu schreiben. Am liebsten hätte er es verheimlicht.

„Tanti nemici, tanti onori“, wie der Italiener sagt („viel Feind, viel Ehr“) – das war sein Motto. Ein belgischer Vogelfänger sagte einmal einem WDR-Team in die Kamera „So einen wie den Tönnis würde ich meinen übelsten Feinden nicht wünschen“. So war es auch. Eugen packte nur Dinge an, die eine Aussicht auf Erfolg hatten. Mit Hilfe von öffentlichkeitswirksamen Aktionen, den Medien, politischem und juristischem Druck wurden Jägern, Vogelfängern und Tierhändlern die Flausen ausgetrieben. Eugen war ein Taktierer, er überlegte genau seine Schritte und jeder davon saß perfekt!

Wenn es einen Literaturpreis für Hobbyjuristen gäbe, er wäre gewiß ein heißer Anwärter gewesen. Eugen nahm Gesetze zur Bettlektüre, fand die kleinsten und feinsten Nuancen, um damit gleich ganze Regierungen bis hin zur EU-Kommission ins Grübeln zu bringen. Mit Dutzenden Klagen in Italien, Deutschland und Belgien und mit Umweltbeschwerden in Brüssel machte er Politikern Beine und verhalf der EU-Vogelschutzrichtlinie und den nationalen Naturschutzgesetzen zu besserer Geltung. Seine konsequente und unermüdliche Arbeit trug reichlich Früchte. 1991 verbot die italienische Regierung den Vogelfang, das gleiche tat Belgien 1993. Der illegale Vogelfang in Norditalien ist nach den vielen Jahren mit zahllosen Kontrollen stark zurückgegangen, der Kiebitzfang in Nordfrankreich liegt in den letzten Zügen. Sein letzter großer Erfolg war der Fall der deutschen Bundesjagdzeitenverordnung im Mai 2002.

Doch das endgültige Ende des illegalen Vogelfangs in Italien und Frankreich, des Handels mit Wildtieren und der Jagd in ganz Europa wird er nicht mehr erleben. Bei einer Exkursion zu den Papageienfängern im südamerikanischen Suriname 1997 erkrankte er an einer tropischen Krankheit, die sein Herz schädigte. Die Virusinfektion würde keine weiteren Folgen haben, so die Ärzte. Eugen Tönnis starb am 28. Juli 2002 im Alter von 42 Jahren bei einer Fahrradtour in Aachen an einem Herzinfarkt.