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30 Jahre Komitee gegen den Vogelmord
1975 - 2005
Chronik unserer Arbeit von 1975 bis 2005, erschienen anläßlich unseres Jubiläums in Heft 9 unseres Magazins "Artenschutzbrief"
1975 - Juan Carlos wird König von Spanien, Richard Nixon ist gerade über Watergate gestolpert und Helmut Schmidt frisch gebackener Bundeskanzler. Im Zuge der Ölkrise keimt in Deutschland das zarte Pflänzchen der Umweltbewegung. Ob gegen Kernkraft, Autobahnen oder Flughafenausbau - Bürgerinitiativen sind schwer im Kommen. In diese Aufbruchstimmung platzen Berichte über millionenfachen Vogelmord in Südeuropa und fallen auf fruchtbaren Boden. Vogelschützer, die nicht länger nur zuschauen wollen, finden sich im Januar 1975 in Berlin zusammen und gründen das „Komitee gegen den Vogelmord“.
Motiv der Komitee-Kampagne "Kein Urlaubsort wo Vogelmord" aus 1976Italien war von Beginn an der Arbeitsschwerpunkt des neu gegründeten Verbandes. Rasch wurden Verbündete gefunden, die vor Ort gegen Windmühlen kämpften und vor scheinbar unlösbaren Problemen standen. Die ersten Partner des Komitees - die „Lega Abolizione Caccia“ (LAC) und die „Gruppo Naturalistico della Brianza“ - waren völlig überlastet und in chronischer Finanznot. Aber schon im Gründungsjahr konnten sie mit deutschen Spendengeldern Protestaktionen starten und schufen damit die Grundlage für die noch kommenden erfolgreichen Kampagnen. Die italienische Botschaft in Bonn wurde zum Empfänger Zehntausender Protestschreiben empörter deutscher Naturfreunde. Mit der Kampagne "Kein Urlaubsort wo Vogelmord" wuchs die Erkenntnis, daß Vogelmord kein gutes Aushängeschild für ein Urlaubsland ist. Die Boykottaufrufe führten zwar nicht zu einem wirklichen Rückgang der Sonnenanbeter, aber der Touristikbranche steckte der Schrecken gehörig in den Knochen. An der Adria warben schon 1977 die ersten Dörfer mit „vogelmordfreien Zonen“.
Bald wurde aber klar, daß Protest alleine nicht reicht. Bessere Gesetze mußten her! Mit Petitionen, Gutachten und Stellungnahmen gelang dem Komitee die Mitarbeit an vielen entscheidenden Gesetzesinitiativen - mit Erfolg. Denn bis Ende der 70er Jahre hatten viele europäische Staaten verbesserte Vorschriften für den Naturschutz erlassen und im April 1979 kam die EU-Vogelschutzrichtlinie.
Doch auch vor der eigenen Haustüre wurde kräftig gekehrt. In den 70ern war der Vogelfang mit Ausnahmegenehmigung noch erlaubt und vor allem im Harz und im Raum Aachen weit verbreitet. Mit den wildgefangenen Finken blühte ein schwunghafter Handel.
Besonderer Beliebtheit erfreute sich der Handel mit "Waldvögeln" - heimischen Finken wie Dompfaff, Stieglitz und Zeisig. Das Komitee nahm in den 70er Jahren Hunderte deutscher Tierhändler unter die Lupe und deckte einen Sumpf aus Vogelfängern, Tierschmugglern und skrupellosen Züchtern auf. Viele Dutzend der "Vogelliebhaber" wurden angezeigt und in teils spektakulären Prozessen zu hohen Geldstrafen verurteilt. Der Handel mit heimischen Wildvögeln geriet in Verruf und kam mit der Verabschiedung der Bundesartenschutzverordnung im Jahr 1986 weitgehend zum Erliegen.
Demonstration gegen den Vogelfang in Belgien 1981Zu Beginn der 80er Jahre trat mit Belgien ein weiteres Land in den Mittelpunkt der Arbeit. Tausende Vogelfänger stellten hier durchziehenden Finken mit Netzen nach, die den Rest ihres Lebens in winzige Käfige gesperrt verbringen mußten. Gemeinsam mit dem belgischen Partnerverband LRBPO startete das Komitee eine Kampagne gegen die Tierquälerei. Nach einer Umweltbeschwerde verurteilte der Europäische Gerichtshof Belgien im Sommer 1988 wegen Verstoßes gegen die neue EU-Vogelschutzrichtlinie.
Begleitet wurden die rechtlichen Schritte von Demonstrationen und Aktionen gegen den Vogelfang. 1990 war eine völlige Ächtung des Vogelfangs erreicht. Alle grenznahen Gemeinden in Deutschland und die Landesregierungen von NRW und Rheinland-Pfalz verlangten von Brüssel das Ende der überkommenen Tradition. Das endgültige Verbot kam 1993 und bescherte dem Komitee gegen den Vogelmord seinen bis dahin größten Erfolg.
Belgischer Vogelfänger (Mitte) geht mit Knüppel auf Komitee-Mitglieder los - der Zaun ist die deutsch-belgische Grenze (ca. 1985)Die Demonstrationen an der deutsch-belgischen Grenze wurden bald zum rituellen Schlagabtausch. Mit Trillerpfeifen und Alarmsirenen zogen Komiteemitglieder bis zu zehn Mal im Herbst an die grüne Grenze. Auf belgischer Seite hatten die Vogelfänger ihre von der EU verbotenen Netze und Lockvögel aufgebaut und warteten auf Beute. Sobald ein Vogelschwarm nahte, begann ohrenbetäubender Krach von Seiten der Vogelschützer - die Tiere drehten ab und entgingen den Netzen. Dann begann das, was die Medien als "Vogelkrieg" bezeichneten: Die Vogelfänger griffen zur Mistgabel und attackierten die Demonstranten. In dem Tumult liefen Vogelschützer auf belgisches Gebiet, klauten den Vogelfängern die Lockvögel und Netze. Wenige Augenblicke später war die belgische Gendarmerie zur Stelle und jeder eilte in "sein" Land zurück. Auf der einen Seite der Grenze standen nun vor Wut schäumende Vogelfänger und Gendarmen, zwei Meter entfernt in Deutschland Vogelschützer mit den "erbeuteten" Lockvögeln. Die Vögel wurden freigelassen und die Demo zerstreute sich langsam ... bis zum nächsten Wochenende.
Knüppel gegen Vogelschützer auch in Italien: Der Vogelfänger (links) war über die Komitee-Mitglieder nicht glücklich (1984)In Italien liefen unsere Kampagnen seit Beginn der 80er Jahre auf Hochtouren. Die italienischen Verbände organisierten jeden Monat Demonstrationen mit mehr als 3.000 Teilnehmern. Unterschriftensammlungen mobilisierten meist mehr als 500.000 Unterzeichner, und von Deutschland aus wurden jährlich mehr als 100.000 Protestpostkarten auf den Weg gen Süden gebracht. Den Beweis, daß derartige Proteste erfolgreich sein können, gelang 1984: Nach einer dreijährigen Kampagne verbot die Regierung der Toskana die alljährliche "Meisterschaft" im Taubenschießen. An nur einem Wochenende waren regelmäßig rund 8.000 Vögel vom Himmel geholt worden!
Jedes Jahr erneut geben vor allem die oberitalienischen Regionen Millionen geschützter Vögel zum Abschuß frei oder genehmigen dreist den längst verbotenen Vogelfang. Der einzige Weg, diesen Beschlüssen beizukommen, sind rechtliche Schritte gegen die Sondergenehmigungen. Seit 1980 wird das Komitee bei den Verwaltungsgerichten vorstellig, sobald nicht EU-konforme Verordnungen bekannt werden. Seit 1981 wurden mit deutschen Spendengeldern in mehr als 100 Gerichtsverfahren rund 80 derartige Genehmigungen zu Fall gebracht. Grob geschätzt konnten so etwa 15 Millionen Buch- und Bergfinken, Feldlerchen, Drosseln und Sperlinge vor Abschuß oder Fang bewahrt werden!
Inzwischen hatte die Komiteeaktion "Wattenjagd ist Vogelmord" auch die deutschen Jäger das Fürchten gelehrt. Die Pirsch im Watt, der jährlich Zehntausende Wasservögel zum Opfer fielen, wurde von 1985 an nach und nach eingestellt. Mit der Zeit gelang es mit Petitionen, Klagen und Lobbyarbeit, die Jagdgesetze in fast allen Bundesländern zu verschärfen. Gänse, Rebhühner und Möwen erhielten in vielen Ländern ganzjährige Schonzeiten. Mit zwei 1988 und 1999 bei der EU eingereichten Umweltbeschwerden hat das Komitee maßgeblich dazu beigetragen, daß die Novellierung des veralteten deutschen Jagdrechtes endlich angepackt wurde.
Komitee-Schutzgebiet "Krötenteiche Raisdorf"1984 ergänzte das Komitee seine Arbeit um einen weiteren Aspekt: Im Schleswig-Holsteinischen Raisdorf erwarb der Verein ein Teichgut, das neben einer schützenswerten Vogelwelt einen großen Amphibienbestand beherbergt. Jedes Jahr konnten Tausende frisch dem Teich entstiegene Jungköten vor dem sicheren Straßentod gerettet werden, indem auf unsere Initiative hin der Weg an den Teichen gesperrt wurde. Die örtliche "Naturschutzgruppe Raisdorf" betreute die Maßnahmen zur Optimierung des Schutzgebietes, das mit dem Ankauf umliegender Flächen immer weiter wuchs. 1994 kaufte das Komitee große Teile der nahegelegenen Schwentinewiesen und legte eine große Obstwiese und mehrere Laichgewässer für den Laubfrosch an. Die artenreiche Auenlandschaft ist inzwischen Teil eines zukunftsweisenden Projektes zur Erhaltung von Wiesenlandschaften.
Ausbeute eines Vormittags: Komiteemitarbeiter in Brescia mit über 2.000 Fallen (1989)Mit dem ersten Zugvogelschutzcamp 1985 in Brescia wurde das Komitee in Italien auch praktisch aktiv. Das Camp wurde bald zum gut organisierten Großeinsatz gegen die Wilderei. Ab Anfang der 90er Jahre wurden die Aktionen auf Mittel- und Süditalien ausgedehnt, und seit 1996 finden auch auf Sardinien Einsätze gegen die Wilderei statt. Seither haben über 1.300 Vogelfreunde aus ganz Europa an den Aktionen teilgenommen und dabei rund 340.000 Fallen, 170.000 Fangschlingen und 1.800 Netze eingesammelt.
Zu Beginn der 90er führte der Fall des "Eisernen Vorhangs" zu einem sprunghaften Anstieg des Tierschmuggels aus Osteuropa. Ob Singvögel, Papageien, Falken, Tierpräparate oder Jagdtrophäen - Deutschland wurde zum Umschlagplatz und Hauptabnehmer für geschützte Tiere aus aller Welt. Trotzdem ist der Artenschutz ein Stiefkind des behördlichen Naturschutzes geblieben. Das Komitee geht als einer der wenigen Verbände den Behörden zur Hand und versorgt die Ermittler regelmäßig mit gut recherchierten Insiderinformationen und Beweisen für illegalen Tierhandel. Dutzenden Präparatoren, Papageienhändlern und Singvogelschmugglern konnte so schon das Handwerk gelegt werden.
Erdrosselt: Verendete Rotdrossel in einer französischen RosshaarschlingeNirgends in Europa gibt es so viele Vogelfänger und Jäger wie in Frankreich. Die durch das Ende des Vogelfangs in Belgien freigewordenen Kapazitäten wurden zum Teil in Frankreich eingesetzt: so sammeln Komiteemitarbeiter seit 1992 in den Ardennen jährlich Tausende verbotene Roßhaarschlingen ab. Eine Kampagne gegen den Fang von Kiebitzen mit Schlagnetzen in der Champagne, begonnen 1994, führte sehr schnell zu einem weitgehenden Ende des Vogelfangs. Und seit 1996 werden baskische Naturschützer der Organisation "Organidexka Col Libre" finanziell beim Kampf gegen die Jagd auf für den Vogelzug bedeutsamen Pyrenäenpässen unterstützt.
Eine neue Dimension bekam die Arbeit des Komitees, als 1999 eine Kooperation mit der italienischen Forstpolizei vereinbart wurde. Ab sofort sollten die Vogelschützer nicht mehr nur auf eigene Faust, sondern auch in Abstimmung und mit Unterstützung der Behörden arbeiten. Mit Hilfe des Komitees gelangen der Polizei seither weitaus mehr Festnahmen als früher. Alleine in Brescia (Norditalien) gehen auf das "Konto" des Komitees rund 120 auf frischer Tat ertappte Vogelfänger. Hier wie auch auf den süditalienischen Inseln geht die Wilderei inzwischen spürbar zurück - so sind die Bogenfallen in der Brescia heute fast "ausgestorben". Die Zusammenarbeit mit Carabinieri und Forstpolizei brachte auch im Kampf gegen den Tierhandel große Erfolge. So gelang z.B. 2001 die Zerschlagung eines jugoslawischen Schmugglerrings, der Zehntausende gefrorener Vögel an italienische Restaurants geliefert hatte.
Komitee-Mitglieder beim Vogelschutzcamp auf Malta (2010)Im Zuge der EU-Erweiterung rückten vor allem die Mittelmeerinseln Zypern und Malta in den Fokus des Komitees. Auf Zypern wurden italienische Komiteemitglieder erstmals 2001 aktiv. Bei mehreren mit deutschen Spendengeldern finanzierten Einsätzen konnten sie rund 4.000 Leimruten einsammeln, die überall entlang der Südküste versteckt aufgestellt werden. Die guten Erfahrungen mit den italienischen Behörden waren die Grundlage für unsere 2002 gestartete Maltakampagne: direkt zu Beginn wurden nicht nur Partnerverbände gefunden, sondern auch eine enge Kooperation mit der maltesischen Umweltpolizei vereinbart. Für durchgreifende Erfolge auf Malta ist es noch zu früh, doch schon jetzt gibt es Zeichen der Entspannung auf dem Archipel: Die EU-Kommission hat ein wachsames Auge auf Malta geworfen, die Umweltpolizei wurde personell ausgebaut und die Verbände vor Ort verzeichnen eine wachsende Zustimmung in der Bevölkerung.
Einen Nachruf auf unseren im Jahr 2002 verstorbenen 1. Vorsitzenden Eugen Tönnis finden Sie hier ...







